Die Realität nach Covid-19: Was kommt nach der Krise?

Psychologin im Interview

Die Realität nach Covid-19: Was kommt nach der Krise?

Die Welt nach Covid-19 hat längst begonnen – und jeder von uns gestaltet sie mit. Wie man jetzt agieren sollte, verrät Dr. Martina Leibovici-Mühlberger im Talk.

Wir stehen an einer Weggabelung, an der es um nicht weniger als um die radikale Neudefinition von Normalität geht“, schreibt Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem hochaktuellen Buch „Startklar“, das sie in nur wenigen Wochen seit Corona-Shutdown zu Papier brachte. „Die Krise kann den Kontrollstaat bringen, sie ist aber auch eine Chance, als Gesellschaft zu wachsen und zu reifen. Wir entscheiden jetzt, in welche Richtung wir gehen.“ 
Talk. Damit will die prominente Psychologin, Polit-Beraterin und Erziehungs-Expertin ihre Leserschaft dazu animieren, selbst über das Leben vor Corona zu reflektieren und so eventuell Visionen für die Realität „danach“ anzudenken. Wir haben bei Leibovici-Mühlberger nachgefragt, was jetzt jeder tun kann. 
 
© Lukas-Ilgner

Wie kam es dazu, dass Sie dieses Buch so schnell publizieren konnten?
Martina Leibovici-Mühlberger: Ich habe mir bereits bei meinem letzten Buch „Der Erziehungsplan der Tyrannenkinder“ Gedanken zu einem neuen Menschenbild gemacht, das bereits in der Erziehung manifestiert gehört. Denn die Gesellschaft, so wie sie aktuell aussieht, ist dazu programmiert, gegen die Wand zu fahren. Aber ich dachte, dass dieser Crash noch zehn bis fünfzehn Jahre brauchen wird. Doch dann kam Covid-19. Und plötzlich hält die ganze Welt den Atem an. Ich habe ein paar Tage lang nicht schlafen können, weil mich die Situation so beschäftigt hat, dass ich mich mit meinem Verleger getroffen habe. Und mit ihm, selbstverständlich mit Abstand, durch das leere Wien spaziert bin und meinen Gedanken freien Lauf gelassen habe. Als ich mit meinem Monolog fertig war, meinte er, dass er es bereue, kein Ditiergerät angemacht zu haben (lacht). 
 
Wie wird sie denn aussehen, die Welt nach Covid-19?
Leibovici-Mühlberger: Das ist die große Frage. Wir haben es selber in der Hand und die Zivilisation steht an einer Weggabelung. Ein Virus wie dieses könnte jederzeit wiederkommen und wir können nicht jedes Mal die Art, wie wirtschaften, in den Boden rammen. Nein, hier steht in flammenden Worten an der Wand – ihr müsst euch was Neues überlegen. Und es kristallisieren sich zwei Wege heraus. Einerseits der der Kontrolle. Die Erkenntnis, dass der Mensch gefährlich ist und jeder Ansteckungspotenzial in sich birgt. Und wenn ich Misstrauen und Kontrolle durchdenke, dann ist es zum gechippten Menschen nicht mehr weit. Immerhin weiß man dann nicht nur gleich, ob ich krank bin, ich mich gesund ernähre oder mich ausreichend bewege. Und wenn ich vielleicht nicht gezwungen werde, mir diesen setzen zu lassen, werde ich trotzdem viele Nachteile haben, weil dann kann ich vielleicht nicht mehr reisen, weil der Chip die Voraussetzung dafür ist. Wenn man über Angst manipuliert, und hier haben wir ja eine Realangst, kann man den sanften Übergang in ein totalitäres System als Notwendigkeit propagieren. Und dann gibt es den anderen Weg. Dieser ist disruptiver, kreativer Natur. Er verlangt, dass wir die Gesellschaft neu denken müssen. Und uns darauf fokussieren, was Leben und Lebensqualität ausmacht. Wenn ich diese Frage stelle, ist das nicht unbedingt die Steigerungsgesellschaft. 
 
Kommt wahrscheinlich drauf an, wen man fragt. 
Leibovici-Mühlberger: Auf jeden Fall. Hier hätten jene, die Entscheidungsträger sind, die soziale und die humanistische Verantwortung, dass dieses Habitat oder dieses Ökosystem Globus, auch wirklich für alle bewohnbar ist. Wenn ich Zivilisation neu denke, muss ich Umverteilung, ausgeglichene Energiebilanz und Respekt gegenüber diesem Gesamt-Ökosystem denken. Und ich muss mir meines Platzes als äußerst durchschnittliches Säugetier, das nichts wirklich besonders gut kann, bewusst werden. Wenn ich mir dessen bewusst werde, erkenne ich auch, dass der einzig erfolgreiche Weg nur jener der Gemeinschaft und der Solidarität ist. Weil wir auch ein Zoon politikon sind und wir unseren evolutionären Erfolg nur der kreativen Zusammenarbeit verdanken.
 
Das bedeutet, Entscheidungsträger wären jetzt gefragt, das System neu zu denken. Die Frage ist – wollen sie das? Und: Sie sprechen auch über Ärzte als Berufsgruppe, die diesem von ihnen so positiv beschriebenen Modell des Humanismus durch den hippokratischen Eid verpflichtet sind. Sollte man vielleicht Politiker auch durch ein ähnliches Bekenntnis der Gesellschaft gegenüber verpflichten? 
Leibovici-Mühlberger: Das wäre eine gute Idee. Denn wenn ein Politiker gegen diesen Eid verstößt, weil er zum Beispiel nur persönliche Interessen verfolgt, und ihm das nachgewiesen wird, dann wäre er Persona non grata und wirklich weg vom Fenster. Und könnte nicht kurz darauf eine neue Partei gründen oder in anderer Funktion wieder auftauchen. Das wäre endlich eine Fortentwicklung. Jetzt muss der breite, vom Humanismus getragene Diskurs greifen. Man kann in unserem Land vergleichsweise sehr zufrieden sein. Hier wird kritisch diskutiert. Wenn der Bundeskanzler sagt, dass man in der Geschwindigkeit nicht auf Punkt und Beistrich alles perfekt machen kann, und das in weiterer Folge der Verfassungsgerichtshof gefragt sein wird, ging ein Aufschrei durch das Land. Bei uns sind Kritik und kritische Diskussionskultur vorhanden. Aber in Ungarn zum Beispiel sieht es schon ganz anders aus. Und deshalb ist derzeit jeder gefragt. Alle schimpfen nur über Blogger und Influencer, andererseits hat jeder Bürger mit nur einem Griff zur Tastatur die Möglichkeit, sich wirklich einzubringen. Hier wären aktuell zum Beispiel Medienanwälte gefordert, ein Regulativ für das Internet zu bauen, das humanistischen Grundsätzen entspricht. Wer dagegen verstößt, fällt raus. Diese Wertestruktur im Medium festzuschreiben, respektive mit Strafe zu belegen, wenn es missbraucht wird, wäre ein wesentlicher Aspekt, um das Internet noch viel effizienter nutzen zu können. 
 
Wie kann jeder, der kein Entscheidungs­träger ist, jetzt agieren? 
Leibovici-Mühlberger: Jeder kann für sich erkennen, dass er oder sie ein hochsoziales Wesen ist. Man kann sich erinnern, wie sehr dieses physische Distancing den Wunsch nach physischer Nähe provoziert hat. Wir dürfen einander nicht sehen, nicht umarmen … Wenn ich ohne Kind oder Partner bin, ist das Folter. Deshalb muss man sich fragen – will man in so einer kalten Welt leben? Oder ist uns nicht doch das Miteinander das Wichtigste? Man hatte auch das Gefühl, durch diese neue und verordnete Langsamkeit zur Ruhe zu kommen. Das war auch etwas Besonderes, weil es uns gezeigt hat, dass eine andere Umgangskultur möglich ist. Vielleicht sind wir mit unseren Mitmenschen anders umgegangen. Familien haben vielleicht wieder ganz neu alte Dinge entdeckt. Zum Beispiel, es zu genießen, auch ohne Programm, einfach spazieren zu gehen. Wir haben fokussierte Kommunikation miteinander erlebt. Schön wäre die Erkenntnis, dass unsere Gesellschaft nur dann überlebt hat, wo wir zusammengehalten haben. 
 
Lektüre: „Startklar“ von Martina Leibovici-Mühlberger ist erschienen bei edition a und erhältlich um 18 Euro. 
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