Warum wir nicht zur „alten Normalität“ zurückkehren sollten

Corona-Krise als Chance

Warum wir nicht zur „alten Normalität“ zurückkehren sollten

Entfaltung, statt bloßes Überleben empfiehlt Manager-Beraterin Dr. Petra Bock in ihrem neuen Buch. Warum uns die Krise zu denken geben sollte und wie wir fortfahren sollten, verrät sie im Talk. 

Es ist die beste Zeit, die es jemals gab, um einen inneren Wandel einzuleiten, der uns nicht nur zu besseren, sondern auch zu glücklicheren, erfüllten Menschen macht. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich erwachsen. Frei, lebensfreundlich, konstruktiv. Wäre es nicht schön, wenn kommende Generationen uns nicht mehr dazu auffordern müssten?“, fragt Dr. Petra Bock, Historikerin und Politikwissenschaftlerin, im Vorwort zu ihrem neuen
Seit gut fünfundzwanzig Jahren forscht und arbeitet die 50-jährige Deutsche zu tief greifenden Umbrüchen, Krisen und Veränderungen. Als Managementberaterin und Coach unterstützt sie Führungspersonen, Teams und Unternehmen seit vielen Jahren in zum Teil existenziell herausfordernden ­Situationen. In ihrem 2011 erschienen Bestseller „Mindfuck“ stellt sie bereits die These auf, dass die meisten Menschen mit veralteten und auf autoritären Mustern basierenden Denkmustern operieren und sie sich damit in der eigenen Entwicklung im Weg stehen. In ihrem aktuellen Buch „Der entstörte Mensch“ vertieft sie diese Gedanken und erschafft eine brandaktuelle, pragmatische Utopie über das Menschsein in unserer Zeit. Denn die Corona-Pandemie, die die moderne und hyperkomplexe Welt zum Stillstand gebracht hat, zeige auf, dass das bisher gelebte Gesellschaftsmodell dringenden Überholbedarf hat.   
 
  
 
Wir fragten bei der Autorin nach, wie sie die letzten Wochen erlebt hat, warum der Humanismus bis dato zu kurz kam und wie der 18-Uhr-Applaus für Systemerhalter diesen auch wirklich eine Verbesserung bringt. 
 
 
Winston Churchill sagte bereits: „Never waste a good crisis.“ Auf dieses Zitat haben sich gerade in den letzten Wochen zahlreiche unterschiedliche Meinungsmacher ­berufen. Ist die aktuelle Krise auch Ihrer Meinung nach eine Chance?
Petra Bock: Ja. Wir haben jetzt die Chance, uns neu zu erfinden. Wenn wir ehrlich sind, geht es aber um sehr viel mehr als um Corona. Es geht um die alles entscheidende Frage, wie wir in einer komplexen Welt leben wollen auf einem ebenso einzigartigen wie fragilen Planeten.
 
Ihr Buch hätte wohl zu keiner „passenderen“ Zeit erscheinen können. Wie haben Sie persönlich den Shutdown wahrgenommen, die letzten Wochen verbracht? 
Bock: Ich war fast ausschließlich in meinem Homeoffice in Berlin-Mitte. Wo sonst der Bär steppt, war es plötzlich so still wie in einem Dorf. Abends bin ich mit dem Fahrrad ins Grüne gefahren. Luft schnappen, Sport machen, abschalten, nachdenken. Ich glaube, vielen ging es ähnlich.
 
In den vergangenen Tagen haben Menschen, die im Krankenhaus, im Altersheim oder an der Supermarktkasse arbeiten, viel Applaus bekommen. Wie sollte man jetzt vorgehen, dass es nicht nur bei einem Applaus, der zwar schön ist, aber das Leben nicht verbessert, bleibt?
Bock: Ich glaube, wir müssen auf allen Gebieten neue Prioritäten setzen und anfangen, uns als Teil eines großen Netzwerks des Lebens zu verstehen. Das betrifft nicht nur das Gesundheitswesen, sondern unser gesamtes direktes Lebensumfeld und geht bis auf die globale Ebene. Wir sollten ungerechte Hierarchien endlich hinter uns lassen und uns fragen, was wirklich Anerkennung und Wertschätzung verdient. Geld ist ein Thema. Aber nicht das einzige. Wir müssen über unsere Systeme neu nachdenken. Sind sie menschengerecht und lebensfreundlich? Ergeben sie Sinn? Oder laufen sie längst in eine völlig falsche Richtung?
 
Sie plädieren, wie auch einige andere Zukunfts- und Trendforscher oder Psychologen, für den Humanismus als gesellschaftliches Modell. Wie kann es sein, dass eine moderne und vermeintlich aufgeklärte Gesellschaft wie die heutige nicht menschengerecht agiert?
Bock: Wir sind an vielen Stellen nur oberflächlich aufgeklärt. Unter dieser Oberfläche herrscht noch eine alte, ziemlich brutale Logik. Dort geht es ums Überleben, um Dominanz, um Kontrolle um jeden Preis. Selbst wenn wir alles haben, ist es dann nie genug. Wir brauchen deshalb nicht irgendeinen Humanismus, sondern einen wirklich neuen, entstörten Humanismus, mit dem wir uns und das Leben auf der Erde neu verstehen. Ohne einen tiefen inneren Wandel kommen wir nicht mehr weiter.
 
Was meinen Sie – kurz gesagt –, wenn Sie vom „entstörten“ Menschen sprechen?
Bock: Wir Menschen folgen einem uralten Denkmuster, das uns einmal weit gebracht hat. Es ist eine Art Überlebenscode. In der komplexen Welt, in der wir heute leben, sabotieren wir uns aber bis hin zur Selbstzerstörung. Das alte Denkmuster funktioniert nicht mehr. Wenn wir diesen inneren Code erkennen und uns davon trennen, sind wir entstört. Das eröffnet uns nicht nur ein völlig neues Lebensgefühl. Sondern erschließt auch ein ganz anderes humanes Potenzial. Entstört sind wir lebensfreundlich, konstruktiv und sehr kreativ. Als Coach erlebe ich diese Entstörung immer wieder bei meinen Klienten. Es macht so viel Freude, das zu erleben. 
 
Seit Jahren coachen Sie Manager und beraten Unternehmen – wie würde Ihr Rat für die aktuelle Situation an die Gesellschaft lauten, wenn Sie diese coachen dürften? Gibt es etwaige Leitsätze, an die man sich vielleicht halten kann? 
Bock: Es geht darum, vom Überlebens- in den Entfaltungsmodus umzuschalten. Dazu ist es hilfreich, seinen inneren Kompass neu auszurichten. Also nicht mehr nach Dominanz, Sicherheit und Kontrolle zu streben, sondern nach einer umfassenden und tatsächlich gefühlten Lebensqualität. Eine wirklich zielführende Frage ist: Was brauche ich, was brauchen andere, was braucht das Leben, um sich zu entfalten und eine hohe Qualität zu erleben? Wir denken damit automatisch sowohl individuell als auch sozial und richten unser Denken konsequent lebensfreundlich aus. Wir brauchen nichts mehr, was nicht lebensfreundlich oder sogar zerstörerisch ist. Wir sind es uns selbst, unseren Kindern und anderem Leben schuldig, diesen Wandel genau heute einzuleiten.
 
© Droemer
„Der entstörte Mensch“ von Petra Bock ist erschienen bei Droemer um 20,60 Euro.