"Fokus auf Potenzial"

Sophie Karmasin im MADONNA-Talk

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Neuer Kurs. Familienministerin Sophie Karmasin (49) verrät, wie sie die Bildung reformieren möchte und warum es mehr Frauen im Betriebsrat braucht. Der Talk. 

Für Ministerin Sophie Karmasin (49) steht die Familie im Vordergrund. Logisch, als Familienministerin ist der Name Programm,   doch der Begriff zieht gesellschaftlich weite Kreise. Denn abgesehen vom derzeit omnipräsenten Thema Kindergarten, geht es in ihrem Ressort stets auch um Arbeitsmodelle,  Bildungsreformen oder Frauenpolitik. 
 
Interview. Mit MADONNA sprach die 49-Jährige über das Debakel der Causa „Alt-Wien“, ihr aktuelles Projekt Bildungskompass und den Hintergrund ihrer Idee, warum mehr Frauen in den Betriebsräten sitzen sollten.   

Was ist der Letztstand in der Causa der Schließung der „Alt-Wien“-Kindergärten? Gab es schon Krisenbewältigungs­gespräche mit der Stadträtin Frauenberger?
Sophie Karmasin: Nein, leider nicht. Wir haben uns bemüht eine Unterstützer- oder Mediatorrolle zu übernehmen – denn die Fronten zwischen der Stadt und dem Betreiber scheinen verhärtet zu sein. Auf der einen Seite müssen wir natürlich genau auf die Bundes- und Landesmittel schauen, die in die Kindergärten geflossen sind. Auf der anderen Seite geht es uns um die Interessen der Eltern und der Kinder. Leider wurde unser Angebot von der Stadt Wien abgelehnt. Wir haben einen Brief von der Kollegin Frauenberger bekommen, in dem steht, dass sie alles gut in der Hand hat. Davon möchte sich jeder selbst ein Bild machen!

Aber es ist ohne Frage eine kritische Situation für rund 2.300 Kinder und ihre Eltern.
Karmasin: Wenn ich mir vorstelle, dass ich voll berufstätig bin und auf diesen Platz zähle, vielleicht auch alleinerziehend bin und am Montag in die Arbeit gehen muss und nicht weiß, wo ich meine Kinder unterbringen soll, dann ist das schon einigermaßen dramatisch. Mir fallen zwei Dinge dazu ein: Zum einen weiß man schon seit einigen Wochen, dass man wahrscheinlich zu keiner Einigung kommen wird, also hätte man hier auch schon wesentlich früher einen Krisenplan aufstellen können. Zum anderen ist es wirklich erstaunlich, denn das Ganze läuft bereits mehrere Jahre in die falsche Richtung, wie die Ungereimtheiten zeigen. Und in Summe wirft das kein gutes Licht auf die Wiener Kindergärten.  

Ihr neuestes Projekt heißt Bildungskompass – welches Ziel soll dieser erfüllen?
Karmasin: Der Bildungskompass wird einen Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik mit sich bringen. Denn gerade im Schulsystem arbeiten wir leider bisher stark über die Defizite der Kinder und fokussieren eher auf Noten und Schwächen. Mit dem Kompass wollen wir einen anderen Weg gehen. Zum einen schon im Kindergarten, in der Elementarpädagogik, wo der Blick auf Potenziale, Ressourcen und Interessen der Kinder gelenkt werden soll. Dadurch soll auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt werden. Und in der zweiten Phase soll dieser auch in der Schule zum Einsatz kommen. Nun geht es darum, dieses Instrument mit den Ländern zu diskutieren, wie und mit welchen finanziellen Mitteln es umgesetzt werden kann. 
 
Ist dieses Instrument nicht einfach nur eine neue Möglichkeit, Daten über die Bevölkerung zu sammeln? 
Karmasin: Die Weitergabe von Daten ist ein absolutes No-Go. Die Daten gehören den Eltern und Kindern und werden nicht gespeichert. Außerdem sollen dies lediglich verbale Beschreibungen werden. Es geht darum, die Stärken der Kinder anhand von fünf Kriterien darzustellen. Und der Bildungskompass bleibt bei den Eltern, die müssen diesen dann zum Beispiel zur Schuleinschreibung mitnehmen. 

Großes Thema sind derzeit auch die verpflichtenden Elterngespräche für Erziehungsberechtigte, die ihr Kind noch nicht für den Kindergarten angemeldet haben. Warum ist es so wichtig, dass die Betreuungsquote angehoben wird?
Karmasin: Es ist wissenschaftlich dokumentiert, dass der Kindergartenbesuch für Kinder in vielerlei Hinsicht wertvoll ist, sei es aus sprach­licher, sozialer oder geistiger Sicht. Und uns ist es wichtig, sich mit den Eltern auszutauschen, die ja offensichtlich Gründe dafür haben, ihr Kind noch nicht angemeldet zu haben. Vielleicht sind es ganz simple, logistische oder organisatorische Hintergründe, die man leicht beheben kann, vielleicht sind es aber auch Vorbehalte, die wir dann akzeptieren müssen. Der Dialog ist jedoch wichtig. Es kann ja auch sein, dass das Kind einem kulturellen Hintergrund entstammt, das keine Erfahrung mit Kindergärten hat – und in diesem Gespräch könnte man Berührungsängste abbauen. Denn selbstverständlich ist es für das Kind besonders wertvoll, bereits im Kindergarten die Sprache zu erlernen. 

Kürzlich ist eine Statistik veröffentlicht worden, die aufzeigt, dass Frauen es nach der Geburt ihres ersten Kindes karrieretechnisch schwer haben, dort einzusteigen, wo sie sich zuvor befanden. Gibt es Ideen von Ihrer Seite zum Thema der flexibleren Arbeitszeiten oder neuer Arbeitsmodelle? 
Karmasin: Zum einen habe ich vor Kurzem die Forderung nach mehr weiblichen Betriebsräten aufgestellt. Da wir 48 Prozent erwerbstätige ­Frauen haben und nur ein ­Drittel weibliche Betriebsräte, herrscht hier ein Ungleich­gewicht, das behoben werden muss. Außerdem denke ich, dass von den Gewerkschaften dem Thema flexible Arbeitszeiten falsch reagiert wird. Die sagen, Flexibilisierung ist schlecht und wir müssen unsere Arbeitnehmer davor schützen. Ich glaube, gerade im Familienbereich ist es das Gegenteil. Gerade Frauen, die Teilzeit arbeiten, möchten sich ihre Stunden lieber auf zwei, drei Tage blocken, um dann ein langes Wochenende zu haben, oder per Home Office oder mobilem Arbeiten im Dienst sind. So könnten sich Frau und Mann die Woche gut aufteilen, und man hätte das ideale Modell, um sein Kind selbst betreuen zu können, wenn dies gewünscht ist. Aber in jedem Fall hätte man eine partnerschaftliche Aufteilung zwischen Mann und Frau, die zum Wohle des Kindes und auch der Elternteile sehr wünschenswert wäre. Deswegen wollen wir auch über die Betriebsrätinnen – etwa bei den Gehaltsverhandlungen – mehr Flexibilisierung der Arbeitszeit erreichen. 
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