‚So erlebe ich China‘

ORF-Korrespondentin Cornelia Vospernik Im Interview

‚So erlebe ich China‘

(c) orfSchüsse auf Demons­tranten in Tibet, verheerendes Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan oder Olympische Spiele (ab 8. August) in Peking – eine Frau ist immer mittendrin: die ORF-Korrespondentin Cornelia Vospernik (39).

Seit Februar 2007 berichtet die smarte TV-Journalistin aus dem Reich der Mitte. „Es ist der interessanteste Job meines Lebens“, erzählt sie. Wie man in China wenige Wochen vor dem Start der Olympischen Spiele lebt, wie die Chinesen die Umweltverschmutzung bekämpfen und warum Cornelia Vospernik nie über ihr Privatleben spricht, verrät sie im MADONNA-Interview:

Frau Vospernik, sind die Chinesen wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spielen in Peking schon euphorisch?
Cornelia Vospernik:
Ich glaube, dass die Olympischen Spiele bei den Pekingern eher Stolz als Euphorie hervorrufen. Es geht um eine Großveranstaltung, mit der man zeigen will, dass man mit dem Westen nicht nur mithalten, sondern ihn auch übertrumpfen kann, bei den Bauwerken und bei den sportlichen Leistungen. Ich erwarte demnach, dass der Medaillenspiegel bei diesen Spielen von China angeführt wird.

Die große Umweltverschmutzung wird derzeit als großes Problem für die Olympischen Spiel gesehen. Wie schützen Sie sich persönlich davor und wie stark wird dieses Problem in China diskutiert?
Vospernik:
Man kann sich davor nicht wirklich schützen. Wir können schließlich nicht immer den Betrieb lahmlegen, wenn Smog herrscht. Irgendwie gewöhnt man sich an die schlechte Luft. An manchen Tagen macht man das Fenster gleich wieder zu, wenn man lüften will. Ich lüfte morgens, sofern es klar genug ist, und werfe im Winter einen Luftreiniger an. In China werden Feinstaub-Werte, die nach unseren Maßstäben eindeutig bedenklich sind, noch als „gut“ bezeichnet. Man muss die Meldungen über die Verbesserung der Luftqualität mit Vorsicht genießen.

Seit Februar 2007 sind Sie nun schon in Peking. Warum wollten Sie nach China? War Peking für Sie nach Ihrem Aufenthalt in London ein „Kulturschock“?
Vospernik:
China ist sicherlich der spannendste Platz, an dem ich je stationiert war. Es ist nicht nur der Zeitpunkt, es ist die Bandbreite an Themen. Und was diesen Einsatz zusätzlich einzigartig macht, ist, dass ich hier die Berichterstattung eigentlich erst etabliert habe, weil es ein neues Büro ist. Das hat für mich die journalistische Arbeit auf ein neues Niveau gehoben. London ist natürlich eine völlig andere Stadt. London ist cool, London ist hip, England ist sozusagen der Hort der Pressefreiheit und in London ist die öffentliche Beurteilung von Politikern an der beziehungsweise jenseits der Grenze zur Grausamkeit. So gesehen bin ich im anderen Extrem gelandet, aber es ist sehr interessant. Propaganda wird noch interessanter zu beobachten, wenn man das Spindoctoring unter Tony Blair miterlebt hat.

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Haben Sie sich in Ihrer neuen Heimatstadt eingelebt? Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Vospernik:
Die Frage einer ausgedehnten Freizeitgestaltung hat sich mir eigentlich nicht wirklich gestellt, seit ich hier bin. An einem starken Tag kann es vorkommen, dass ich von 10.00 vormittags bis 02.00 früh im Einsatz bin und gegen 22.00 das erste Mal Zeit habe, etwas zu essen. Wenn ich Luft habe, nütze ich jede Gelegenheit, um Kraft zu tanken. Chinesische Massagen sind großartig.

Wie gut beherrschen Sie schon die chinesische Sprache?
Vospernik:
Die Schriftzeichen nehme ich als völlig normal an, auch wenn ich natürlich weit davon entfernt bin, sie alle zu kennen. Sie haben mir sehr dabei geholfen, dass sich sozusagen der Knoten gelöst hat. Ich konnte mir die Silben nur mit Hilfe der Schriftzeichen merken und habe lange Zeit keinen Laut herausgebracht, weil der Klang von Mandarin so anders ist. Jetzt bin ich auf einem Gastarbeiterniveau, an dessen Hebung ich arbeite.

Bekommt man als Journalist in Peking alles von Geschehnissen mit oder wird man eher davor abgeschottet?
Vospernik:
Wir werden von vielen Informationen abgeschottet. Ich merke, dass vor den Olympischen Spielen das Misstrauen gegenüber westlichen Journalisten sogar wieder steigt. Unser Versuch, ein Training der Antiterror-Polizei zu drehen, ist immer wieder von Misserfolg begleitet. „Das sei kein Termin für Ausländer“, hören wir dann. Das Misstrauen vor Sanktionen geht manchmal so weit, dass sich Menschen von der Straße nicht mehr interviewen lassen, nur weil ein anderer Passant meint: „Sage besser nichts.“ Das ist schade.

Sie haben einen Job angenommen, der von Österreich aus gesehen am anderen Ende der Welt liegt. Muss man dafür private Opfer bringen?
Vospernik:
Ich spreche nicht über mein Privatleben, was bei der Frage beginnt, ob ich überhaupt eines habe. Und das hat zwei einfache Gründe: Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass das irgendjemanden interessiert. Zweitens kann man nur verlieren. Wenn ich sage, dass ich Single bin, werde ich von Schwerenötern mit E-Mails bombardiert, worauf ich verzichten kann. Wenn ich einen Partner öffentlich mache, degradiere ich ihn zu einem Anhängsel von mir, worauf ich auch verzichten kann.
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