Natascha Kampusch im Interview

Über Prozess und ihre Eltern

Natascha Kampusch im Interview

Das Gericht gab ihrer Mutter Recht, dennoch kehrt keine Ruhe ein. In MADONNA zieht Kampusch Bilanz über den Prozess und ihr Verhältnis zu den Eltern.

(c) KernmayerIch habe mit keiner anderen Entscheidung gerechnet“, gibt sich Brigitta Sirny gegenüber MADONNA selbstbewusst. Laut aktuellem Gerichtsurteil darf Ex-Richter Martin Wabl, der der Mutter von Natascha Kampusch immer wieder öffentlich kriminelle Machenschaften unterstellte, nicht mehr behaupten, dass Sirny etwas mit der Entführung ihrer Tochter zu tun habe. Und das, obwohl der steirische Jurist mit aller Vehemenz versucht hatte, im Rahmen des spektakulären Prozesses zu beweisen, dass in der Causa Kampusch „so einiges schieflief“.

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„Leider hat man die Aussagen meiner Zeugen scheinbar nicht ernst genug genommen“, so Wabl, der damit etwa auf die Erzählungen von Anneliese Glaser anspielt, die als ehemalige Freundin von Brigitta Sirny (bereits vor dem Prozess im exklusiven MADONNA-Interview) über die verheerenden Verhältnisse sprach, in denen Natascha vor der Entführung aufgewachsen sei. „Sie ist nicht nur einmal mit einem Abdruck im Gesicht zu mir gekommen, weil ihrer Mutter wieder einmal die Hand ausgerutscht war“, so Glaser damals.

Selbstüberschätzung.
Trotz allem heißt es im Zivilprozess-Urteil, dass „Martin Wabl zu keiner Zeit auch nur über einigermaßen zureichende Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht verfügte“. Sogar von „Selbstüberschätzung des Beklagten“ (Sirny klagte Wabl auf Unterlassung der Behauptungen) ist die Rede. Ein Vorwurf, den er sich nicht gefallen lassen will. „Natürlich gehe ich wieder in Berufung!“, kündigt Martin Wabl an. Bis zum Obersten Gerichtshof würde er gehen. Und auch wenn es zu einer Bestätigung des Urteils käme, würde sich der Ex-Richter keinesfalls als Verlierer sehen: „Durch mich erlosch die Glut im Fall Kampusch nie, weshalb jetzt auch die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. Es ist also noch lange nicht vorbei “

Neue Ermittlungen
Tatsächlich wurde von der scheidenden Justizministerin Maria Berger kürzlich beschlossen, dass sich eine neue Ermittlungskommission mit Nataschas Entführung auseinandersetzen und die Einzeltätertheorie noch einmal prüfen soll. Schließlich will (wie in MADONNA berichtet) Augenzeugin Sabine Köhler (Name von der Red. geändert) gesehen haben, dass Natascha im März 1998 von zwei (!) Männern in den Wagen gezerrt wurde.

Seltenes Interview
Die Betroffene selbst scheint sich jedoch nur noch Ruhe zu wünschen. Bevor sich Natascha Kampusch (20) nun wohl medial komplett zurückzieht – ihre Puls4-Talkshow wird (offiziell aus gesundheitlichen Gründen, inoffiziell wegen der schlechten Quoten) auf Eis gelegt – sprach sie mit MADONNA über den Prozess ihrer Mutter, die neuen Ermittlungen und ihr Verhältnis zu ihren Eltern.

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(c) KernmayerFrau Kampusch, was halten Sie von dem Prozess zwischen Ihrer Mutter und dem Ex-Richter Martin Wabl, der behauptet, Ihre Mutter habe etwas mit Ihrer Entführung zu tun?
Natascha Kampusch:
Ich habe diesen Prozess eigentlich als lächerlich empfunden – nämlich vor allem die Behauptungen, dass meine Mutter etwas mit der Sache zu tun haben soll.

Dennoch steht die Theorie im Raum, dass Priklopil kein Einzeltäter war, weshalb die Ermittlungen wieder aufgenommen werden.
Kampusch:
Ich kann nur immer wieder betonen: Ich habe keinen Mittäter gesehen oder mitbekommen. Die einzige Person, die wohl etwas dazu sagen könnte, ist tot (Anm. der Redaktion: Wolfgang Priklopil).

Aber es gibt doch jene Zeugin – eine Mitschülerin –, die gesehen haben will, dass Sie von zwei Männern in den Kastenwagen gezerrt wurden?
Kampusch:
Ich überlege auch die ganze Zeit, was sie da gesehen haben könnte. Ich weiß nur: Er hat mich geschnappt, ins Auto gezerrt und er ist auch selbst weggefahren. Da war sonst niemand.

Trotzdem wird jetzt neu ermittelt. Wäre es Ihnen lieber, wenn endlich ein wenig Ruhe einkehren würde?
Kampusch:
Oh ja, eigentlich schon. Auf der einen Seite denke ich mir: Lasst doch die ganze Geschichte einfach ruhen. Auf der anderen Seite möchte ich natürlich irgendwie, dass aufgezeigt wird, was schiefgelaufen ist damals. Darf ich etwas Negatives über die Polizei sagen ? (überlegt) Nein, ich sage lieber nichts

Zurück zum Prozess zwischen Ihrer Mutter und Martin Wabl: Ihr Vater war bei jeder Verhandlung. Im Rahmen der Zeugenaussage von Priklopils bestem Freund, Ernst H., kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Ihrem Vater und ihm. Wie war das für Sie als Tochter?
Kampusch:
Meinem Vater dürften die Nerven durchgegangen sein. Ich habe das alles aber nicht so genau verfolgt.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern beschreiben?
Kampusch:
Ich würde sagen: ziemlich entspannt. Es gibt weder Höhen noch Tiefen. Sagen wir es so: Es ein ziemlich gutes Verhältnis.

Was macht für Sie gute Eltern aus?
Kampusch:
Gute Eltern stehen hinter ihrem Kind und beschützen es, wo es nur geht. Sie bewahren ihre Kinder vor Enttäuschungen.

Wenn Sie sich zurückerinnern – waren Ihre Eltern so?
Kampusch:
Ich muss sagen, sie haben sich immer sehr bemüht, beide. Sie haben mich nie eingeschränkt und mir – soweit es ging – jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Vielleicht nicht unbedingt auf intellektueller Ebene, aber ich weiß etwa noch genau, dass ich einen Disc Man bekommen habe, kurz vor der Entführung. Sie haben sich bemüht und hatten nur die besten Absichten.

Eine Nachbarin Ihrer Mutter hat in einem Interview erzählt, dass sie Sie als Kind des öfteren mit einem Abdruck im Gesicht gesehen hätte, weil Ihrer Mutter manchmal die Hand ausgerutscht sei
Kampusch:
Dazu möchte ich mich nicht äußern.