Müll-Schmuck aus Manila wird Mode-Hit

Müll-Schmuck aus Manila wird Mode-Hit

Auf einer Müllhalde in der philippinischen Hauptstadt Manila hat sie nach Altmetall, Plastik und anderem gesucht, was sich zu Geld machen lässt. Heute lebt sie zwar immer noch vom Müll, doch hat sich das Blatt gewendet: Virtucio macht Schmuck aus Altpapier, und die Kreationen sind ein Mode-Hit in London geworden.

Mit "London" kann die zierliche Frau wenig anfangen. Aber wenn sie die Früchte ihrer Arbeit aufzählt, blitzen ihre Augen:
Ein Etagenbett hat sie gekauft, einen Ventilator und eine Kommode, auf der sogar ein Fernsehgerät thront.
"Das hätte ich mir vorher nie leisten können", sagt sie und schaut sich in ihrem Reich zufrieden um.

Wohnen im Slum
Das sind keine acht Quadratmeter, ein Holzverschlag im Slum. Anstatt Matratze liegt eine Pappe auf dem Metallgestell. Fritz, ihr Zweijähriger, turnt herum. Die anderen sechs Kinder sind in der Schule. In der Ecke stehen ein zerbeulter Topf auf einem wackligen Gaskocher und Eimer mit Besteck. Wie acht Menschen hier hinein passen, ist ein Rätsel. "Geht schon", sagt Virtucio nur.

Keine 20 Meter von ihrem armseligen Verschlag in Tondo an der Manila-Bucht entfernt hängen Hochglanzfotos mit coolen Models, die bunte Perlenketten tragen. Dicke muschelförmige Klunker in knalligen Farben und zarte Armbänder. Die Kugeln könnten durch Virtucios Hände gegangen sein. Die Frauen fertigen sie aus Hochglanzmagazinen. Die bunten Seiten werden in schmale konische Streifen geschnitten, gerollt, geklebt und in Lack getaucht. "Mit ein bisschen Übung dauert eine Kugel eineinhalb Minuten", sagt Designerin Joanna Junio (28). Sie arbeitet schon an neuen Ideen. Schmuck für die Ohren ist der neueste Renner. Eine Kette kostet rund neun Euro. Shops in London, New York und Los Angeles haben sie inzwischen im Angebot.

"Wir haben 28 Familien, die Kugeln liefern, und sie verdienen damit bis zu 3.000 Pesos pro Woche", sagt Programm-Direktor Marcel Clado. Das sind 45 Euro. Ein Vermögen verglichen mit dem, was sie vorher mit den Müllresten verdienen konnten. Die Millionenstadt Manila produziert .7000 Tonnen Müll pro Tag. Das meiste kommt auf Halden wie die in der Nähe von Tondo. 30.000 Menschen leben als Müllsammler von den Resten, die sich irgendwie zu Geld machen lassen.

Winning Over Waste

Hinter der Schmuck- und Taschenmarke "Winning Over Waste" steckt die Hilfsorganisation "Philippine Christian Foundation". Gründerin Jane Walker ist seit Jahren hier und hat früher Glasperlen gekauft, aus denen die Frauen Schmuck machten. Die Idee mit den Papierkugeln und anderem Material, das direkt aus dem Müll gewonnen wird, kam ihren kreativen Köpfen 2008. Seitdem brummt das Geschäft.

Gerade hat Walker in Großbritannien einen Handarbeitsshop als neuen Kunden ausgemacht. Der will die bunten Kugeln ins Sortiment nehmen. "Je mehr Abnehmer, desto mehr Leute können wir beschäftigen", sagt sie. "Fantastisch, dass die Leute, die seit 20, 30 Jahren vom Müll leben, jetzt erstmals richtig Geld damit machen können", sagt sie. "Sie verdienen zehn mal so viel wie zuvor." 

"Winning Over Waste" hat auch Taschen, Geldbörsen und Brillenetuis aus Chipstüten und Zahnpasta-Tuben im Sortiment. Ein absoluter Renner ist die Tasche aus Metallverschlüssen von Trinkdosen, die die Frauen mit buntem Bindfaden kunstvoll zusammen häkeln. Für 70 Euro finden sie in London reißenden Absatz. Mit der Produktion kommen die Frauen kaum nach. Der Gewinn aus dem Verkauf fließt in die Stiftung. Sie betreibt eine Schule für 450 Kinder, die hier auch essen, und Werkstätten zur Ausbildung. 120 Frauen arbeiten in der Werkstatt.

"Ich wollte nie Müllsammlerin sein", sagt Virtucio, die auf der Suche nach einem besseren Leben vor 30 Jahren aus der Provinz nach Manila kam. "Aber jetzt ist es in Ordnung, dies ist eine respektable Arbeit." Stolz erzählt sie von den Träumen ihrer Tochter. "Sie singt gut und ist in der Kirche aktiv. Sie will ins Ausland und später ein Haus bauen", sagt Virtucio. Neslen Faith ist 16, ihr Name bedeutet: Glaube, Vertrauen.

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