Im falschen Körper geboren

Mein Vater heißt jetzt Monica

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Ausgerechnet ihr Macho-Vater eröffnet Maaike Sips eines Tages, dass er fortan als Frau leben will. Wie es sich anfühlt, den Vater neu kennenzulernen, erzählte sie uns im Talk.

Mit 68 Jahren entschließt sich der Niederländer Cees Sips dazu, eine Geschlechtsanpassung durchzuführen. Bereits in seiner Kindheit spürte er, dass etwas nicht stimmt. Als junger Mann sehnt er sich nach Frauenkleidern und einem weiblichen Körper - und unterdrückt diesen Wunsch. Stattdessen legt er sich die Rolle eines Machos zu und führt ein Vorzeigeleben  samt Karriere, Frau und Familie. Bis zur Rente.

Transsexualität.  2012 erzählt Cees seiner Tochter Maaike  (43) von „Monica“, seinem wahren Ich. Ab diesem Zeitpunkt lebt er ausschließlich als Frau und beginnt mit der Geschlechtsumwandlung. Die gesamte Familie unterstützt den Vater in seinem Vorhaben, auch seine zweite Ehefrau Meintje bleibt an seiner Seite. Wie sich herausstellt, ist Cees als Frau nicht nur glücklicher, sondern auch ein besserer Familienmensch. Maaike Sips rollt in ihrem Buch die Geschichte ihres Vaters neu auf.  Wir sprachen mit der Autorin.

Was war Ihre erste Reaktion, als Ihnen Ihr Vater erzählte, fortan als Monica leben zu wollen?
Maaike Sips
: Mein Vater war die letzte Person, die ich in einem Kleid erwartet hätte. Aber das Lustige daran ist, dass ich mehr erleichtert, als schockiert war. Sofort spürte ich, dass dies der Grund für unser  schwieriges Verhältnis war.  Mein Vater konnte nie er selbst sein, er war immer gezwungen eine Rolle zu spielen. Daher war ich anfänglich erleichtert, aber auch überrascht. Später durchlebte ich alle erdenklichen Emotionen, die man mit Trauer in Verbindung bringen kann. Ich fühlte mich als wäre jemand gestorben, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben,  mich zu verabschieden. Die erste Frage, die ich meinem Vater gestellt habe, als er uns an einem Nachmittag von Monica erzählt hatte, war: „Wie lange weißt du es schon?“ Mein Vater antwortete: „ Mein ganzes Leben lang.“ Erst später wurde mir bewusst, dass dies eine alberne Frage war. Menschen entscheiden sich nicht plötzlich, transsexuell zu sein – sie werden so geboren.

Denken Sie jemals: „Ich hätte es bemerken müssen?“
Sips:
Niemals. Mein Vater hat eine Rolle gespielt, das verstehe ich jetzt. Wie hätte ich ahnen können, dass ein Problem der Geschlechtsidentität der Grund für sein Macho-Verhalten war? Er wirkte immer, als hätte er alles unter Kontrolle und sprach viel über seine Karriere. Die Frage, die mich eher beschäftigte, war: „Wie schaffte es Monica all diese Zeit, ein Doppelleben zu führen?“ Es war ein Resultat der Umstände einer Zeit, in der Transsexualität noch ein Tabuthema war.  


War das Buchprojekt eine Strategie, um das Vater-Tochter-Verhältnis neu aufzuarbeiten?
Sips:
Ich wollte Monica eine Geschichte geben – und unsere Familiengeschichte ist ein Teil davon. Monica hat schon immer existiert, wir wussten es nur nicht. In meinem Buch wollte ich erfahren, wie dieser Konflikt das Leben meines Vaters beeinflusst hat. Er war ein Bursche in einer Zeit, in der die Rollen für Männer und Frauen klar definiert waren. So etwas wie Genderbewusstsein gab es  damals nicht. Cees besuchte eine katholische Schule und sollte ein Priester werden. Er hatte eine Kariere in einer von Männern bestimmten Welt. Das Schreiben des Buches ermöglichte es mir, meinen Vater und seine Entscheidungen besser nachzuvollziehen. Es half mir dabei, zu verstehen, warum unsere Beziehung manchmal so kompliziert war. Ein anderer Beweggrund für das Buch war, dass es da draußen noch viele andere Personen wie Monica gibt. Es ist möglich, dass viele Transsexuelle aus der Generation meines Vaters sich noch immer verstecken, und ich möchte auch ihre Geschichte erzählen.

Wie war es, Monica – Ihren Vater in Frauenkleidung – zum ersten Mal zu begegnen?
Sips:
Es war eigenartig – genauso wie das erste Mal, mit ihm gemeinsam in der Schlange vor der Damentoilette zu stehen. Seltsamerweise fühlte es sich aber nicht so an, als ob ich meinen Vater in einem Rock treffen würde. Es war eher so, als wäre ich einer neuen Person begegnet. Monica war wie eine Frau, die ich zuvor nicht kannte. Sie mag viel Make-up und feminine Kleidung mit High Heels. Ich selbst bin nicht so, genauso wenig wie meine Mutter.

Maaike Sips
© Droemer Knaur Verlag/ Sips

Als Monica noch Cees war: Familienfotos aus der Zeit, als Maaikes Vater die Männerrolle spielte – und seine wahre Identität als Frau unterdrückte.


Sie beschreiben die ehemalige Rolle Ihres Vaters als Macho ohne Familiensinn. Wie bereichernd ist es, Monica in Ihrem Leben zu haben?
Sips:
Unser Verhältnis ist jetzt auf jeden Fall besser, und das bereichert mich natürlich sehr. Und auch für die Erfahrung der Geschlechtsumwandlung, die wir gemeinsam erlebt haben, bin ich dankbar. Vor Monica habe ich mir nie Gedanken um Genderidentität und die gesellschaftlichen Aspekte  gemacht. Die Vorurteile sind mir nun viel bewusster.  


Ihr Vater spricht über seine frühere Identität in der dritten Person. Ist Cees auch für Sie verschwunden?
Sips:
Nein, er ist Teil meiner Vergangenheit und ich werde mich immer liebevoll an ihn erinnern. Nun kenne ich Monica besser und verstehe, dass Aspekte ihres Wesens immer in Cees steckten. Viele Verhaltensweisen von Cees sind verschwunden, genauso wie sein Aussehen. Aber ich bin in der Lage, Cees in Monica zu sehen.   


Der Gedanke daran, als Mann beerdigt zu werden, veranlasste Cees dazu, sich umoperieren zu lassen – mit 70 Jahren. Bereut es Monica, dass der Entschluss nicht früher kam?
Sips:
Ja, in gewisser Weise. Hätte es früher, als sie noch jung war, die Hilfe gegeben, die es heutzutage gibt, wäre ich nie geboren worden. Es ist niemals einfach für Transsexuelle, aber man kann der jungen Generation bereits in einem jungen Alter helfen. Die Geschlechtsangleichung gelingt dann nicht nur körperlich besser, sondern auch gesellschaftlich. Die meisten Personen, denen sie in ihrem Leben begegnen, werden nicht bemerken, dass sie anders geboren wurden.

Buchtipp: Maaike Sips’ Vater beschließt mit Ende 60 als Frau zu leben. Die Autorin lernt dabei nicht nur „Monica“, sondern auch ihren Vater retrospektiv neu kennen. Aus verschiedenen Blickwinkeln nähert sie sich dem Thema der Gender-Disphorie an.  (Droemer Knaur, 20,60 Euro)

Maaike Sips
© Droemer Knaur Verlag
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