Leben mit der Schuld

Lucas Mutter Melanie

Leben mit der Schuld

Die Wahrheit wird ans Licht kommen“, sagt Melanie (22), die Mutter des kleinen Luca, der am 3. November des Vorjahres im Krankenhaus SMZ Ost in Wien verstorben ist. Nachdem ihm davor, von jenen, die ihn beschützen hätten sollen, so lange Mund und Nase zugedrückt wurden, bis der kleine Bub zu atmen aufhörte. Das schreckliche Ende eines jungen Lebens, oder besser: eines Martyriums, das 17 Monate lang dauerte. Der Lebensgefährte der Mutter, Fritz D. (23), soll das Kind misshandelt und sexuell missbraucht haben. Seit Lucas Tod sitzt der Mann aus Wien-Umgebung in Unter­suchungshaft. Der furchtbare Verdacht, dass der kleine Bub vor seinem Tod nicht nur schwerst gequält, sondern auch sexuell missbraucht wurde, wird nun durch ein Gutachten vom 11. Februar bestätigt. DNA-Vergleichsanalysen ergaben, dass die Fremd-DNA, die man an Luca fand, mit den Merkmalen des Verdächtigen, Fritz D. übereinstimmen, heißt es in dem Gutachten der Gerichtsmedizin der Universität Wien, das aufgrund des Obduktionsergebnisses angefordert wurde. Denn bei der Untersuchung des Buben wurde nebst zahlreichen Verletzungen am Körper auch eine klaffende Verletzung im Afterbereich festgestellt. Gerichtsmediziner entdeckten das in der Samenflüssigkeit vorkommende Prostata-Gen PSA und Semelogin sowie eine Blutspur im Gesäßbereich, an Lucas Strumpfhose.

Lokalaugenschein
Die Mutter von Luca will das alles nicht bemerkt haben. „Meine Mandantin“, so Albert Heiss, der Anwalt von Melanie, „fiel aus allen Wolken. Für sie ist es unvorstellbar, dass sich ihr Lebensgefährte an Luca vergangen haben soll.“ MADONNA traf Melanie beim Lokalaugenschein in Achenkirch, wo die Tirolerin zusammen mit ihren Eltern und ihrem zweiten Sohn Raphael (4) völlig zurückgezogen lebt. Als wir sie mit jenen Vorwürfen konfrontieren, die das ganze Land beschäftigen – nämlich, dass sie doch etwas bemerkt haben müsste –, reagiert die junge Frau hysterisch: „Wie können Sie es wagen, mir solche Fragen zu stellen!“ Die Mutter, die vom ganzen Dorf als Mittäterin vorverurteilt wird (O-Ton im Dorfgasthaus: „Die soll sich besser umbringen, bevor wir es tun...“) und die das Haus ihrer Eltern kaum mehr verlässt, schüttelt ihre langen Locken und kämpft mit den Tränen. „Was glauben Sie wohl, wie es mir geht? Ich habe mein Kind verloren“, brüllt sie. „Mein Kind ist tot! Und Sie wagen es mich zu fragen, ob ich etwas damit zu tun habe...“

Verfahren verzögert
Plötzlich nähert sich eine junge Frau – sie wohnt mit ihrem kleinen Kind im selben Haus: „Komm her, Melanie, komm einfach herein“, sagt sie. Melanie bleibt aber demonstrativ stehen, lehnt sich an die Hausmauer und sagt: „Warum kommen Sie überhaupt zu mir? Der Haaser redet doch eh so gerne mit den Medien. Fragen Sie doch den!“ Melanie meint den leiblichen Vater von Luca, Bernhard Haaser, der den tragischen Tod seines kleinen Buben nicht müde wird anzuprangern. Und der will, dass die Schuldigen endlich zur Verantwortung gezogen werden. Dass das Gerichtsverfahren noch immer nicht begonnen hat, ist nicht nur dem Vater von Luca völlig unverständlich. Seit vier Monaten muss er darauf warten, dass endlich die Wahrheit über den grauenvollen Tod seines Kindes ans Licht kommt. Schuld an der Verzögerung ist das finale Gutachten, das noch immer ausständig ist.

Zurück in Achenkirch
Melanie fährt sich mit der Hand über die Augen, presst die Lippen zusammen und sagt barsch: „Können Sie sich nicht vorstellen, wie es mir geht? Ich bin 24 Stunden hier eingesperrt! Ich habe das Haus seit November nicht mehr verlassen!“ Kein Wunder, hat sich in dem 2.000-Seelen-Ort doch blanker Hass gegenüber Melanie breitgemacht. „Das kann sie doch niemandem erzählen, dass sie nichts gemerkt hat“, sagt eine Frau auf der Straße. „Die ist doch krank im Hirn.“ Eine andere Mutter mischt sich ein: „Der Kleine ist doch nicht nur von ihrem Freund misshandelt worden. Man hat Frakturen, die älter als ein Jahr waren, an Luca festgestellt. Dass diese Bestie überhaupt frei herumlaufen darf! Die soll verrecken, oder nein: Sie soll genau die Qualen spüren, die sie dem Kind angetan hat...“
Einzig den Eltern von Melanie bringt man ein wenig Verständnis entgegen: „Die Mutter von Melanie ist eine nette Frau“, erklärt eine Kellnerin. „Ich verstehe nicht, dass sie ihre abartige Tochter bei sich aufgenommen hat.“ Als wir mit Melanie vor ihrem Haus stehen, fährt deren Mutter mit Raphael vor, den sie vom Kindergarten geholt hat. Ängstlich schaut der Kleine seine Mutter an, die Oma schiebt ihn schnell durch die Tür. Melanie zischt mit bitterem Unterton: „Die Wahrheit wird ans Licht kommen und dann werden alle schauen. Die werden alle noch schauen..!“
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