Kdolsky nach ihrem Krisen-Jahr

Plus: Stellen Sie Ihre Fragen an die Fachfrau

Kdolsky nach ihrem Krisen-Jahr

Im Interview zeigt sich die Buhfrau der letzten Regierung offen wie nie zuvor. Plus: Die Mobbing-Expertin hilft jetzt MADONNA-Leserinnen.

(c) Chris SingerKeine Politikerin war jemals so ­unbeliebt, wie „Kurzzeit“-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky (46). Schon kurz nach der Angelobung im Jänner 2007 wurde die renommierte Ärztin und erfolgreiche Krankenhausmanagerin – vor allem aufgrund privater Schlagzeilen – zur Buhfrau der Regierung. Eine Rolle, aus der es ihr bis zum Ende ihrer Amtszeit im Dezember 2008 nicht mehr gelang auszubrechen.

(c) Chris Singer

Stellen Sie hier Ihre Fragen an Dr. Andrea Kdolsky


MADONNA-AKTION
Aus ihren Erfahrungen hat die Ärztin mit psychotherapeutischer Ausbildung viel gelernt. Dr. Andrea Kdolsky, als Leading Ladies-Netzwerkerin auch in Österreichs größtem Frauen- und Business-Netzwerk aktiv, möchte ihr Wissen fortan nun kostenlos MADONNA-Leserinnen, die vom Thema Mobbing betroffen sind, zur Verfügung stellen.

Hier können Sie ab sofort Kontakt zur ehemaligen Ministerin aufnehmen. Wie Mobbing ihr Leben verändert hat, verrät Andrea Kdolsky im Talk.

Im ­Interview mit MADONNA spricht Andrea Kdolsky erstmals locker undoffen über Fehler, die sie gemacht hat, Kränkungen, die sie schwergetroffen haben, und sie beklagt den mangelnden Rückhalt aus deneigenen Reihen.

Sie haben sich jahrelang mit dem Thema Mobbing auseinandergesetzt und waren auch Mobbing-Beauftragte. Dann hat es Sie selbst erwischt. Was ist eigentlich schief gelaufen?
Andrea Kdolsky:
Als Quereinsteigerin hat man in der Politik keine Lobby. Auch nicht
in den eigenen Reihen. Wenn man am Anfang so hochgejubelt wird, dann gibt es viele Neider, dann schürt das Ängste und Befürchtungen. So kommt es dann mitunter zu Kritik aus den eigenen Reihen – und wenn die an die Öffentlichkeit dringt, hat man faktisch verloren.

Dann ist man Gefangener in den eigenen Reihen...
Kdolsky:
Genau so läuft es.

Was hätten Sie sich erwartet?
Kdolsky:
Dass jemand aufspringt und sich hinter mich stellt. Man hätte diesen Gemeinheiten, die über mich berichtet wurden, entgegentreten können: wie etwa über mein Aussehen oder meine Beziehung zu einem jüngeren Mann. Das geht doch wirklich niemanden etwas an!

Etwas salopp ausgedrückt, hat man Sie zuerst hochgejubelt und dann ziemlich schnell im Regen stehen lassen.
Kdolsky:
Ich habe Solidarität vermisst. Vor allem die von Frauen. Die funktioniert – anders als bei Männern – immer noch nicht. Allerdings nehmen Männer keine Frauen in ihre Bündnisse hinein. Und solange sich das nicht ändert, hat man es als Frau schwer.
Naja, so ganz fehlerfrei waren Sie wohl doch nicht?
Kdolsky: Man hat mich ja selten fachlich kritisiert, sondern ist auf mir als Person herumgeritten.

Das nennt man Mobbing.
Kdolsky:
Das geht in diese Richtung. Ich bin die ganze Zeit über anders gezeichnet worden, als ich bin.

Als Gesundheitsministerin ein Buch mit Schweinsbratenrezepten herauszugeben, war wohl nicht ganz so clever. Oder war das eine Trotzreaktion?
Kdolsky:
Nein, es war eine Reaktion, um zu zeigen, dass ich mich nicht in eine Ecke schieben lasse. Es war eine Rezeptsammlung. Der Gesamterlös wurde dem Hilfswerk zur Verfügung gestellt.

Sie stiegen zur unbeliebtesten Politikerin ab. Geben Sie sich zum Teil selbst Schuld dafür?
Kdolsky:
Ich glaube diesen Umfragen nicht. Wenn man als Politiker anfängt, diesen Umfragen zu glauben, dann wird es schwierig. Solche Umfragen haben aber leider trotzdem eine enorme Wirkung: Hat man negative Werte, kann man als Minister nicht mehr das tun, was man eigentlich zu tun hat. Weil die Fronten so verhärtet sind, dass gewisse Gespräche nicht mehr geführt und Ziele nicht mehr erreicht werden können. Ab diesem Zeitpunkt muss man sich etwas überlegen. Man kann sich nicht an etwas klammern. Weil man in Wahrheit darunter leidet, nicht geliebt zu werden. Deshalb muss man sagen: Stopp! Bremse. Und dann muss man die Situation neu überdenken.

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Menschen, die in die Enge getrieben werden, reagieren mit Panik. Waren Sie panisch?
Kdolsky:
In Panik war ich überhaupt nicht. Ich habe erkannt, dass ich gewisse Dinge nicht ändern kann. Und dass man als Ministerin nicht die Möglichkeit hat, gewisse Dinge zu steuern. Man kann den Hype um die Person nicht beeinflussen, genauso, wie man das „Runtermachen“ durch die Medien nicht verhindern kann – und dann aus Unsicherheit die falschen Reaktionen setzt. Ich habe mich zurückgezogen, saß nur mehr im Büro. Ich habe versucht diese Verletzungen abzubauen und keine Angriffsmöglichkeiten mehr zu bieten. Auch das wurde mir falsch ausgelegt. Denn als Person in einem Amt hat die Öffentlichkeit auch das Recht, gewisse Dinge zu erfahren.

Etwa wenn gegen den Partner ermittelt wird?
Kdolsky:
Das ist in einem öffentlichen Amt sehr schwierig. Aber das geht niemanden etwas an. Dazu stehe ich auch. Es gab einen Ausschuss und von den Anklagen ist nichts über geblieben. Man sucht sich doch bitte einen Menschen nicht danach aus, wer oder was er ist! Oder nachdem, was ihm vorgeworfen wird und in welcher Situation er ist. Das wäre doch sehr traurig! Man hat mir sogar negativ ausgelegt, dass ich die Öffentlichkeit über meine Scheidung informiert habe. Es wurde mir auch nahegelegt, dass es besser sei, die Beziehung mit meinem Partner heimlich zu führen. Und keinen klaren Schnitt zu machen.

Sie hätten als Politikerin ein Doppelleben führen sollen?
Kdolsky:
Das wurde mir geraten. Ich bin aber kein Mensch, der mit einer Lüge leben möchte. Ich habe nie in meinem Leben gelogen. Es war für mich schon äußerst seltsam, dass eine Scheidung im 21. Jahrhundert ein Stigma ist. Trotz vielem Nachdenken habe ich bis heute keine allgemein gültige Antwort gefunden, wie und wo man als Politiker den Grenzstrich zwischen privat und öffentlich am besten zieht. Was jedoch wirklich niemanden etwas angeht, ist das Intimleben eines Menschen, auch nicht das einer Bundesministerin.

Was, außer einem hohen Bekanntheitsgrad, hat Ihnen die Zeit als Ministerin gebracht?
Kdolsky:
Die Erkenntnis, dass ich eigentlich ein sehr starker Mensch bin, der auch in schweren Zeiten durchkommt. Ich bin sehr harmoniebedürftig und war auch immer bei meinen Kollegen sehr beliebt. Plötzlich haben mich alle gehasst. Ich habe furchtbar darunter gelitten, nicht mehr gemocht zu werden, und ich habe mich oft sehr gekränkt. Ich bin ein Mensch mit einem riesigen Herzen und war oft verzweifelt. Jetzt bin ich wieder bei mir selbst angekommen.

Haben Sie sich Hilfe geholt?
Kdolsky:
Mein Partner ist und war meine große Stütze. Er ist mein Anker und auch ein ganz kritischer Diskutant. Er hat mich auch gehalten und getröstet, als ich mal einen ganzen Abend lang geweint habe, weil in einer Zeitschrift etwas äußerst Gehässiges gestanden ist. Da braucht man einen Partner, der bedingungslos zu einem steht. Man braucht seine Familie und Freunde: Menschen, die einem gut gesonnen sind und die einen unterstützen und rausholen. Für meinen Partner und mich war das keine einfache Zeit. Aber es hat sich gezeigt, dass unsere Liebe stark genug ist, um auch schwere Zeiten zu verkraften.

Was haben Sie gelernt?
Kdolsky:
Dass jeder Mensch bei seiner Linie bleiben muss und sich nicht verdrehen darf. Man sollte nicht versuchen aus der Situation heraus es allen Recht machen zu wollen. Man darf sich nicht verbiegen. Und: dass es normal ist, wenn einen nicht alle Menschen mögen.

Haben Sie schon einen neuen Job gefunden?
Andrea Kdolsky:
Nein, die Arbeitssuche ist für eine ehemalige Ministerin nicht einfach. Für viele ist es unvorstellbar, dass sie der Chef oder die Chefin einer Ex-Ministerin sind. Der Wechsel von der Wirtschaft in die Politik und wieder retour müsste gefördert werden. Nachdem der Politiker oft zum Buhmann abgestempelt wird, ist sein Weg zurück in die Wirtschaft sehr schwer. Und dann kommt noch dazu, dass es generell für Frauen in meinem Alter nicht so einfach ist, Arbeit zu finden.

Sie sind Ärztin...
Kdolsky:
Diesen Bereich habe ich schon vor Jahren abgeschlossen. Da führt kein Weg zurück. Gerade in einem so hoch spezialisierten Beruf kann man nach Jahren nicht so ohne weiters wieder einsteigen. Abgesehen davon, möchte ich das gar nicht. Ich bin zuversichtlich, einen neuen Weg zu finden. Vielleicht mache ich mich selbstständig. Natürlich hat man in solchen Zeiten auch Ängste. Es geht einem mal besser, mal schlechter. Wichtig ist aber: Man darf sich nicht hängen lassen. Und vor allem den Mut nicht verlieren.