'Kann mein Kind nicht lieben!'

Nach dramatischen Babytausch

'Kann mein Kind nicht lieben!'

Nikola & Veronika wurden bei der Geburt vertauscht. Seit einem Jahr leben die Mädchen bei ihren echten Eltern. Deren Leben ist seither ein Scherbenhaufen.

Jaroslava Trojanova (rechts) und Jaroslava Cermakova (links). Foto(c) ReutersMama!“, schreit die kleine, fröhliche Veronika, während sie durch ihr buntes Kinderzimmer tollt – nicht ahnend, wie ihrer Mutter der liebevolle Ruf durch Mark und Bein geht. Die Geschichte von Jaroslava Trojanova und Jaroslava Cermak beschäftigt seit nunmehr einem Jahr nicht nur die Gerichte – die Verwechslung ihrer beiden, am selben Tag geborenen, Babys ist bis heute auch in der Öffentlichkeit Thema.

Am 9. Dezember feiern die Mädchen Veronika und Nikola ihren zweiten Geburtstag – und zeitgleich einjähriges „Jubiläum“ des Rücktauschs zu ihrer jeweils richtigen Mutter. Und obwohl es der unbekümmertste, schönste Geburtstag sein sollte, haben ihre Eltern nichts zu feiern. Denn das Leben beider Paare aus Tschechien wurde durch das Herausfinden des schrecklichen Irrtums völlig aus der Bahn geworfen – wenn nicht völlig zerstört: Seit die Cermaks und die Trojanovas vor genau einem Jahr ihr jeweils richtiges Kind zurückbekamen, und von jenem, das sie ein Jahr liebevoll umsorgten, für immer Abschied nehmen mussten, geht es mit allen Beteiligten stetig bergab. Psychisch, emotional – und auch in der Partnerschaft...

Noch immer verzweifelt
„Wenn ein Kind stirbt, ist das sicher noch viel schrecklicher“, versucht Jaroslava Trojanova ihre Gefühle im Gespräch mit MADONNA zu erklären. „Aber man kann trauern, ohne sich ständig den Kopf darüber zu zermartern, dass es noch immer lebt, du aber nicht zu ihm gehörst. Obwohl du mit ihm das glücklichste Jahr deines Lebens verbracht hast. Das zerreißt einem das Herz.“ Der Ehemann der 26-Jährigen war es, der das ganze Drama vor über einem Jahr ins Rollen brachte. Weil ihm seine „Tochter“ Nikola so gar nicht ähnlich sah, wurde Libor (30) misstrauisch. Heimlich führte er einen DNA-Test durch.

Als sich später herausstellte, dass auch seine Frau nicht die Mutter des Babys ist, freute er sich zwar, dass seine Frau treu gewesen war. Die dramatischen Szenen, die die bittere Wahrheit bis heute zur Folge hat, lassen ihn jedoch seinen Schritt bereuen. „Wir dachten, dass wir den Rücktausch vor knapp einem Jahr verarbeiten könnten. Aber im Gegenteil: Es wird immer schlimmer.“ Vor allem bei seiner Frau Jaroslava liegen die Nerven blank: „Ich habe, trotz psychologischer und medikamentöser Behandlung, fast jede Nacht Albträume. Ich träume, dass Nikola von ihrer leiblichen Mutter aus dem Fenster geworfen wird und ich sie auffangen muss.“

Immer wieder kommt es zwischen den Eheleuten zu heftigen Streitigkeiten. Sei es, weil Jaroslava Libor nicht verzeiht, dass er den DNA-Test heimlich durchführte. Dann wieder, weil sie ihre „falsche“ Tochter Nikola besuchen will, er das hingegen für falsch hält. „Ich weiß nicht, wie es weitergeht mit uns“, so Libor verzweifelt. „Die Verwechslung zerstört auch unsere Beziehung.“

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Scheidung bei den Cermaks
Noch schlimmer sind die Auswirkungen bei Jaroslava Cermak (aufgrund der gleichen Vornamen und des gleichen Alters der Mütter wurden die Babys im Krankenhaus vertauscht). Die 26-Jährige und ihr Ehemann Jan (27) sprechen inzwischen sogar von Scheidung. Obwohl das Paar vor wenigen Monaten ein zweites Baby bekommen hat, scheint das Familienleben der Cermaks völlig zerrüttet zu sein. „Wir haben uns eigentlich nichts mehr zu sagen.

Vielleicht wäre eine Scheidung ein Neuanfang“, mutmaßt ihr Mann, der ebenso wie seine Frau keine richtige Beziehung zu Nikola aufbauen kann. Und trotzdem lehnen sie es ab, die Trojanovas öfter als einmal im Monat zu treffen. „Es ist besser für mich, wenn ich Veronika gar nicht treffe“, erklärt sie. Ihre Leidensgenossin bringt es auf den erschütternden Punkt: „Das Kind, das ich ein Jahr lang nach der Geburt stillte, liebe ich noch immer. Meine leibliche Tochter mag ich sehr –aber so richtig lieben kann ich sie noch immer nicht.“

Noch kein Urteil
Dass die dramatischen Folgen der Baby-Verwechslung bis jetzt auch vor Gericht noch kein Ende gefunden haben, erschwert den beiden Paaren das Leben noch zusätzlich. Rund 380.000 Euro fordern die Cermaks und Trojanovas als Schadenersatz von dem Brünner Spital, in dem das Unglück geschah.

Die Mütter sollen davon jeweils 95.000 Euro erhalten, die Väter je 47.500 Euro. Für Veronika und Nikola würden ebenfalls je 47.500 Euro angelegt werden. Eine läppische Summe dafür, dass sie zuerst bei der falschen und nun in einer zerstörten ­Familie aufwachsen müssen.

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