Frauenministerin Susanne Raab im MADONNA-Interview

Anstieg häuslicher Gewalt

Frauenministerin Susanne Raab im MADONNA-Interview

Gleich zu Beginn der Coronakrise verkündete Frauenministerin Susanne Raab, dass man einem befürchteten eklatanten Anstieg von Gewalttaten innerhalb der Familie aufgrund der Ausnahmesituation gezielt entgegenwirken wolle. Die Frauenhelpline (frauenhelpline.at, Tel.: 0800 222 555) steht Betroffenen (wie schon vor der Krise) täglich rund um die Uhr zur Verfügung. Im MADONNA-Interview spricht die 35-jährige Bundesministerin über die ersten Auswirkungen der Krise, finanzielle Unterstützung für das Hilfsangebot, aber auch Alleinerzieherinnen, die für sie zu den Helden dieser Zeit zählen. 
 
Wie geht es Ihnen, wie gehen Sie mit der ­aktuellen Situation persönlich um?
Susanne Raab: Es ist natürlich auch für mich eine herausfordernde Situation. Zum einen beruflich, weil wir in der Regierung derzeit versuchen, die Krise bestmöglich zu managen. Aber auch persönlich hat sich vieles verändert. Ich habe meine Eltern in Oberösterreich seit Jänner, seit der Angelobung, nicht gesehen. Und auch mir fehlen die sozialen Kontakte zu den Liebsten und Freundinnen. Aber zum Wohle der Gesellschaft und für unser aller Gesundheit müssen wir da jetzt durch. Und die Zahlen zeigen, dass Österreich am richtigen Weg ist.
 
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag im Moment aus? Funktioniert Homeoffice in Ihrer Position?
Raab: Es ist in dieser Krise notwendig, auch viel Zeit in meinem Büro im Kanzleramt zu verbringen. Aber natürlich ist hier weniger Betrieb, weil die meisten meiner MitarbeiterInnen im Homeoffice sind. Wir haben aber freilich tägliche Video-Konferenzen und Telefonschaltungen. 
 
Ihr Fokus liegt derzeit sehr stark auf dem Thema Gewalt gegen Frauen. Haben sich die Befürchtungen bestätigt, dass die häusliche Gewalt in der Krise zunimmt? 
Raab: Ich bin seit Beginn der Krise, aber auch schon davor, im laufenden Kontakt mit allen ExpertInnen, also mit Leiterinnen von Frauenhäusern, von Frauenberatungsstellen, mit PsychologInnen … Sie alle haben darauf hingewiesen, dass es durch die häusliche Isolation verstärkt zu Gewalttaten innerhalb der Familie oder auch in der Beziehung kommen und deshalb die Gefahr für Frauen und Kinder steigen kann. Wir beobachten derzeit eine leichte Steigerung bei den Anzeigen, die im Innenministerium betreffend Betretungs- und Annäherungsverbote eingehen. 
 
Wobei die Dunkelziffer wohl höher ist … 
Raab: Wir haben auch eine starke Steigerung von Anrufen bei der Frauen-Helpline, nämlich um 71 Prozent seit Beginn der Krise. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Beratungsangebote umfassend personell und finanziell gestärkt haben. Wir haben auch einen Online-Chat eingerichtet, an den sich Frauen wenden können, wenn sie aufgrund der Umstände derzeit vielleicht nicht telefonieren können. Grundsätzlich ist das Beratungsangebot gut gesichert und es herrscht große Nachfrage. Die ExpertInnen warnen aber auch, dass es bei den Anzeigen zu einem verzögerten Anstieg kommen könnte, weil etwa viele Frauen in der heutigen Isolation nicht ins Frauenhaus gehen, weil sie glauben die Frauenhäuser würden sie womöglich nicht aufnehmen. Oder weil sie nicht wissen, dass eine Wegweisung auch jetzt möglich ist. Umso wichtiger ist uns die Botschaft, dass wir sehr wohl ausreichend Kapazitäten in Frauenhäusern haben, dass jeder Frau geholfen wird und die Polizei selbstverständlich bei jeder Form der Gewalt sofort da ist und Männer auch wegweisen kann.
 
Wie sieht es budgetär aus, in Zeiten wie diesen, wo jeder Cent für Wirtschaft und Hilfsfonds benötigt wird …
Raab: Wir haben ab dem ersten Tag Budget zur Verfügung gestellt, um diese Angebote zu stärken. Und wir haben Personal auch aus anderen Bereichen in die Frauenhelpline umgeschichtet. Mehrsprachiges Personal aus dem Integrationsbereich beispielsweise. Wir haben also die Angebote finanziell aber auch personell aufgestockt, um 24 Stunden und 7 Tage pro Woche ausreichend Kapazitäten für betroffene Frauen zu haben. 
 
Abgesehen von Gewaltprävention – rücken Frauenanliegen wie Gleichberechtigung, Gehaltsschere etc. derzeit in den Hintergrund? 
Raab: Ganz im Gegenteil! Frauen sind nun in der Krise die Heldinnen schlechthin, weil in den meisten systemrelevanten Berufen – im Pflegebereich, Einzelhandel, im Apotheken- und im Sozialbereich wie in den Fraueneinrichtungen etc. – mehrheitlich Frauen tätig sind. Frauen leisten hier in der Krise Unglaubliches, und ich denke, dieser Gedanke, diese Erkenntnis wird uns auch länger begleiten. 
 
Das Homeschooling hat die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht unbedingt vereinfacht. Vor allem für Alleinerzieherinnen. Wie werden Frauen abgesehen von der Anerkennung unterstützt? 
Raab: Ich weiß aus Gesprächen mit vielen Frauen, die derzeit zu Hause sind, wie groß diese Herausforderung tatsächlich ist. Alleinerzieherinnen sind da besonders gefordert, auch finanziell, deshalb haben wir zwei Dinge bewirkt, die mir besonders wichtig waren: Zum einen gibt es Unterstützung für Familien, die finanziell stark betroffen sind. Es gibt einen Familien-Härtefonds des Familienministeriums, von dem insbesondere auch AlleinerzieherInnen profitieren. Zum anderen haben aus unserer Erfahrung viele AlleinerzieherInnen die zusätzliche Herausforderung, dass der Unterhalt für die Kinder wegfällt, weil viele Ex-Partner diesen derzeit nicht mehr bezahlen. Daher war es mir gemeinsam mit der Justizministerin wichtig, dass wir einen unbürokratischen staatlichen Unterhaltsvorschuss geben, sodass der Unterhalt für die Kinder von Alleinerzieherinnen weiterhin gesichert ist.
 
Abschließend: Was haben Sie persönlich aus dieser Krisenzeit bisher gelernt – was werden Sie möglicherweise daraus für die Zukunft mitnehmen?
Raab: Es ist mir bewusst geworden, wie viel Gemeinschaftsgeist und Zivilcourage in uns allen steckt und wie stark der gesellschaftliche Zusammenhalt in Österreich ist. Das ist ein Gefühl, das mich sicher noch lange begleiten wird – und das ist auch ein gutes und wichtiges Gefühl für den Neustart nach einer solchen Krise. Die nächsten Monate werden wirtschaftlich, aber auch im Kampf gegen das Virus weiterhin eine Ausnahmesituation sein und nicht einfach. Aber es gibt einen solch guten Zusammenhalt in der Gesellschaft, dass ich optimistisch bin, dass wir auch das gut schaffen werden. 
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