Familie Kührer - ''Wir sind völlig hilflos''

Vermisst

Familie Kührer - ''Wir sind völlig hilflos''

Manchmal drückt Anton Kührer (55) die Anruftaste auf seinem Handy. „Julia anrufen“ blinkt es dann auf dem Display. Doch statt eines freundlichen „Hallo!“ tönt eine monotone Stimme: „Dieser Teilnehmer ist derzeit nicht erreichbar.“ So wie immer, wenn „Julia anrufen“ auf dem Display blinkt. Denn Julia ist nicht erreichbar. Ihre Eltern Anton und Brigitte Kührer (52) vermissen ihre 17-jährige Tochter schon seit 17 Monaten. Sie wissen nicht, wo ihr Kind ist. Und sie können sich nicht erklären, was an jenem Tag im Sommer vor zwei Jahren passiert ist. Sicher ist nur so viel: Am 27. Juni 2006 stieg die Schülerin im niederösterreichischen Pulkau aus dem Bus – und verschwand spurlos. Die Polizei versucht seither alles, um das Mädchen zu finden. Wirklich alles? Nach den fatalen Ermittlungsfehlern bei der Suche nach Natascha Kampusch sind sich auch die Kührers nicht mehr sicher, ob „alles“ auch wirklich genug ist.

Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihnen gesagt würde, dass es den entscheidenden Hinweis zum Verbleib von Julia bereits gegeben hat?
Brigitte Kührer: Das wäre ein Schlag ins Gesicht. Daran will ich gar nicht denken. Wir müssen in die Arbeit der Polizei vertrauen.
Anton Kührer: Auch wenn ich darauf vertraue, muss ich leider sagen: Da ist ein riesen Systemfehler drin. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass eigentlich niemand wirklich weiß, was man macht, wenn ein Kind so lange vermisst wird, wie unsere Julia. Und so schlimm das klingt: Wenn es Natascha Kampusch nicht geben würde, hätte man die Suche nach unserer Tochter schon aufgegeben. Das ist unser einziges Glück. Leider.

Sie sind beide Lehrer. Wie überstehen Sie den Alltag, wenn Sie täglich Eltern mit ihren Kindern sehen?
B.Kührer: Ich gründe Netzwerke. Es hilft mir viel, wenn ich mit Eltern spreche, deren Kinder ebenfalls verschwunden sind. In Wien wird beispielsweise seit Anfang Jänner die 13-jährige Yvonne vermisst. Ihre Mutter hat mir von Dutzenden Hinweisen erzählt, die alle ins Leere gingen – das kennen wir schon alles.
A. Kührer: (seufzt) Leider kennen wir das. Wir stellen den traurigen Rekord auf, dass in Österreich außer Natascha Kampusch noch nie ein Kind so lange vermisst wurde.

Wie haben Sie die letzten Stunden mit Ihrer Tochter erlebt?
A. Kührer: Wenn ich daran denke, mache ich mir Vorwürfe. Julia ist auf der Terrasse gesessen und hat einen verletzten Vogel gefüttert. Ganz vorsichtig und nur von der Seite habe ich sie fotografiert. Sie ließ sich nie gerne fotografieren und hatte damals eine sehr schwierige Phase. Heute mache ich mir aber Vorwürfe, dass ich sie nicht aus der Nähe fotografiert habe. Immerhin war das nur zwölf Stunden vor ihrem Verschwinden – dann hätte ich diesen letzten, schönen Moment noch festgehalten.

Julia wird bald 18 ...
B. Kührer: Ja, und wir können nur zusehen, wie Julias Freunde Führerschein und Matura machen und erwachsen werden.
A. Kührer: Mit 18 kann unsere Tochter auch alles selbst entscheiden. Sie kann, wenn sie das möchte, auch ihr Leben weiterleben, so wie sie es jetzt tut. Ich hoffe nur, dass meine Julia ihr Glück gefunden hat. Dass es ihr gut geht. Niemand zwingt sie, zurückzukommen. Wir wünschen uns nur ein Lebenszeichen. Einen Anruf: „Hallo Vati, ich bin’s.“ So wie sie es früher immer gemacht hat, wenn sie sich kurz gemeldet hat.

Und wenn sie wieder auftaucht? Wenn sie ein Lebenszeichen von sich gibt?
A. Kührer: Wir würden sie zu nichts drängen. Ich stelle es mir sogar wahnsinnig schwer vor, würde sie wieder in unseren kleinen Heimatort zurückkehren. Wenn sie eine Wohnung in Wien möchte, dann wäre das in Ordnung.

Freunde, Mitschüler und Bekannte aus Pulkau werden immer wieder von der Polizei befragt. Vermuten Sie, dass man etwas übersehen hat?
B. Kührer: Wir glauben ja. Irgendjemand weiß sicher etwas von Julia. Und dieser Jemand glaubt, dass es zu spät ist, jetzt damit herauszurücken. Vielleicht dachte sich die Person: „Die kommt eh nach einer Woche zurück.“ Diese Person plagt das schlechte Gewissen, weil sie nichts gesagt hat.

Sie haben Ihre Tochter religiös erzogen, waren mit ihr sehr oft in der Kirche. Sind Ihnen seit Julias Verschwinden Zweifel an Gott gekommen?
B. Kührer: Nein, nie. Warum sollten wir uns um den Glauben bringen? Wir sind völlig hilflos, aber dafür kann der liebe Gott nichts.
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