Mensch - Computer

Gleichberechtigung

Digitale Gleichberechtigung:

Warum Frauen im Internet immer noch schlechter gestellt sind 

Die Gleichberechtigung von Frauen im privaten und öffentlichen Raum ist nicht nur zum Weltfrauentag ein präsentes Thema. Doch gerade in einem so zukunftsweisenden Bereich wie den digitalen Medien scheint der Weg noch weit zu sein.

Frauen erobern die digitale Welt

Seit Jahrzehnten kämpfen Frauen um ihre Gleichberechtigung. Im Beruf, im Privatleben, in ihrer persönlichen Entfaltung, in der Gestaltung ihrer Freizeit. Im Hinblick auf ihr Interessensspektrum hat sich die Frauenwelt längst über die sich hartnäckig haltenden Klischees hinausentwickelt. Kinder, Kochen, Handarbeit und Kaffeekränzchen gehören immer noch dazu, sind aber längst nicht alle Interessen, die Frauen verfolgen. Längst haben sie auch die digitale Welt für sich entdeckt. Soziale Medien wie Facebook, Instagram und YouTube sind längst keine Männerdomäne mehr

Aber auch im Bereich Computer- und Online-Gaming holen die Damen auf. Das Interesse an dieser vielschichtigen Branche wächst und inzwischen ist fast die Hälfte der Gamer weiblich. Dabei beschränkt sich das Interesse der Gamerinnen längst nicht nur auf gemütliche Aufbau- und Strategiespiele, bei denen Häuser hübsch eingerichtet und süße Farmtiere gepflegt werden. Computerspielaffine Frauen greifen ebenso gerne zum Adventure, zum Shooter oder zum MMORPG. 

Sogar die vermeintliche Männerdomäne der Sportwetten begeistert längst auch ein weibliches Publikum. In der Sportbranche weichen die Grenzen zwischen den Geschlechtern zunehmend auf. Frauen haben großes Interesse an Sport. Sie trainieren selbst, setzen sich im Profibereich zunehmend durch, sie berichten und kommentieren, werden als Trainerinnen und Beraterinnen aktiv und sie wetten. Ein grundlegender Unterschied lässt sich allerdings auch heute noch am Geschlecht festmachen: Frauen gehen im digitalen Bereich mit Bedacht vor, legen großen Wert auf Transparenz und Datensicherheit. Das gilt besonders, wenn Zahlungsmodalitäten betroffen sind. Deshalb sind seriöse Wettanbieter mit PayPal bei weiblichen Sportwettenfans besonders beliebt. Erhebungen zeigen: Fast die Hälfte aller von Männern genutzten Endgeräte haben Viren. Bei Frauen sind es weniger als 40 Prozent. Anfällig für Phishing-Fallen bekennen sich knapp 10 Prozent der männlichen Internetuser. Auf der weiblichen Seite ist es nur etwa die Hälfte.

Das Interesse der weiblichen User an den Möglichkeiten der digitalen Welt hat längst mit dem der Männer gleichgezogen. Von einer echten Gleichberechtigung im Netz sind wir allerdings noch überraschend weit entfernt.

Frauen kreieren im Netz weniger Content

Frauen wissen um das digitale Potenzial unserer Zeit und sie haben Interesse daran. Trotzdem kreieren Frauen im Netz immer noch nachweislich weniger Content als Männer. Daraus entsteht der Eindruck, dass Frauen im Internet grundsätzlich weniger präsent sind als Männer. Tatsächlich nutzen Frauen das Internet weltweit um 12 Prozent weniger als Männer. Deutlich stärker ist die Diskrepanz in Entwicklungsländern, wie zum Beispiel Afrika. Dort sind Frauen sogar um 25 Prozent weniger im Netz unterwegs als Männer. 

Experten sprechen von einer messbaren digitalen Kluft. Sie zeigt sich in immer noch stark von männlichen Blickwinkeln geprägtem Content. Männer veröffentlichen mehr Inhalte in den sozialen Medien, Kommentare, Podcasts und Blogposts, aber auch mehr Bewertungen für Produkte und Dienstleistungen. Dies wiederum schlägt sich in der Entwicklung des E-Commerce nieder.
Problematischer wird die geringere Präsenz der Frauen im Internet allerdings an anderer Stelle. Das Netz birgt als Informationsplattform riesiges Potenzial, das gleichberechtigt zur Verfügung stehen sollte. Insbesondere in Entwicklungsländern und in Ländern, in denen Frauen politisch, wirtschaftlich und sozial benachteiligt sind, fehlt allerdings häufig der wichtige Zugang zu dieser Informationsquelle. Es mangelt an den technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten und am weiblichen Selbstvertrauen. Die Hilfsorganisation Plan International spricht von einer begrenzten Teilhabe am gesellschaftlichen Leben:

„Durch die digitale Kluft wird Mädchen und jungen Frauen die gleichberechtigte Teilhabe in den sich immer weiter digitalisierenden Gesellschaften und der globalen Gemeinschaft erschwert. Laut der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) haben heute mehr als 90 Prozent aller Jobs weltweit eine digitale Komponente. Viele Mädchen sind hierfür häufig nicht qualifiziert, und Jobchancen bleiben ihnen verwehrt. Diese Benachteiligung hat damit auch erhebliche Auswirkungen auf das wirtschaftliche Wachstum und die Entwicklung eines Landes.
Das Internet und digitale Technologien können wertvolle Werkzeuge zur Stärkung von Mädchen darstellen. Sie bieten Bildungsangebote, den Zugang zu Gesundheitsinformationen, ermöglichen einen Austausch und erleichtern neben der wirtschaftlichen auch die soziale und politische Partizipation.“
(Quelle: https://www.plan-international.at)

Die uneingeschränkte Teilhabe von Mädchen und Frauen an den digitalen Informations- und Bildungsangeboten ist weltweit ein wesentlicher Faktor für mehr Gleichberechtigung und stärkere Frauenrechte. 

Diskriminierung im Netz trifft vor allem junge Userinnen

Die Anonymität im Internet bietet schon immer Raum für Diskriminierungen unterschiedlichster Art. In Netz sind vor allem junge Mädchen und Frauen von diskriminierendem Verhalten betroffen. Mobbing, Drohungen, Belästigung und sexuelle Diskriminierung sind im digitalen Raum leider immer noch stark verbreitet. Das zeigen aktuelle Untersuchungen der Web Foundation und der World Association of Girl Guides and Girl Scouts. Die Erhebungen machen deutlich, dass auch heute noch fast jedes zweite Mädchen oder jede zweite Frau im Internet diskriminiert wird. 

Die Bandbreite der Benachteiligungen weiblicher User ist groß. Eingriffe in die Privatsphäre, wie zum Beispiel die unerlaubte Veröffentlichung von Fotos, Hasskommentare, Beleidigungen, Drohungen und sexuelle Diskriminierung werden von Betroffenen besonders häufig genannt. Auch fühlen sich weibliche User in vielen Bereichen nicht ausreichend repräsentiert und ernst genommen. Zwar trifft digitale Diskriminierung nicht ausschließlich Frauen. Insbesondere Themen wie Mobbing, Anfeindungen oder Hasskommentare werden auch von Männern im Netz verstärkt wahrgenommen. Die Diskriminierung gegenüber Frauen ist Experten zufolge aber häufiger geschlechtsspezifisch geprägt. Es geht um Anfeindungen gegen das Aussehen, die soziale Stellung und das Geschlecht generell. 

Problematisch wird die Situation vor allem durch mangelnde Transparenz und eine zu wenig konkrete Rechtslage. Bislang fehlen trotz vielfältiger Untersuchungen zu diesem weitreichenden Thema offizielle Zahlen, die eine realistische Einschätzung ermöglichen. Die Datenlage ist eindeutig, wie Beratungsstellen bestätigen. Was bislang fehlt, ist allerdings die Anerkennung valider Daten von den wesentlichen öffentlichen Stellen. In den meisten Ländern ist das Thema digitale Gleichberechtigung noch nicht ausreichend im Gesetz verankert, und Betroffene schützen zu können.

Wenn künstliche Intelligenz eine Männerdomäne ist

Künstliche Intelligenz ist ein wissenschaftliches Feld, in dem seit einigen Jahren verstärkt geforscht wird. Das Potenzial, das dieser Bereich birgt, ist riesig. Die Crux dabei: Aktuell scheint künstliche Intelligenz noch stark von einer männlichen Perspektive geprägt zu sein.
2018 geriet beispielsweise ein Tool des US-Konzerns Amazon in die Kritik. Die Anwendung zur Vermittlung von Arbeitsplätzen basierte auf Algorithmen, die weibliche Bewerber benachteiligten. Der Grund dafür waren Basisdaten, die auf historische statistische Branchenauswertungen zurückgingen. Vor allem in von Männern dominierten Berufszweigen wurden Frauen aufgrund dieser Basisdaten im Algorithmus des Tools als weniger geeignet für die Stellenausschreibungen ermittelt. Im Sinne der digitalen Gleichberechtigung war Amazon schließlich gezwungen, das Tool in dieser Form wieder vom Markt zu nehmen.
Dieser Fall ist nur ein Beleg dafür, dass die digitale Gleichberechtigung auch bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz eine gravierende Rolle spielt und in Zukunft stärker berücksichtigt werden sollte.

Durch Umdenken zu mehr digitaler Gleichberechtigung

Die digitale Diskriminierung von Frauen hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Das gilt aber auch für die Aufmerksamkeit, die dieses Thema nach und nach erlangt. Zahlreiche Kampagnen für die digitale Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen wurden ins Leben gerufen, die weiblichen Internetusern ein Forum bieten möchten.
So legt die Hilfsorganisation Plan International zum Beispiel einen Schwerpunkt ihrer Arbeit auf das Thema digitale Gleichberechtigung, insbesondere in Entwicklungsländern. Vier Schritte bilden die Grundlage der internationalen Bemühungen der Organisation:

1. Gleiche Bildung für Mädchen, insbesondere im Hinblick auf Lesen und Schreiben und die Nutzung digitaler Bildungsangebote.

2. Ein gleichberechtigter Zugang zu technologischen Möglichkeiten.

3. Sicherheit für Mädchen und Frauen im digitalen Raum.

4. Die Vermittlung von Wissen und Kernkompetenzen, die erforderlich sind, damit Mädchen und Frauen digitale Technologien selbstständig nutzen und weiterentwickeln können.

Doch auch auf nationaler Ebene werden zunehmend die Weichen in eine Zukunft gestellt, die von digitaler Gleichberechtigung geprägt sein kann. Das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung fördert im Rahmen des eEducation-Netzwerkes gezielt eine gleichberechtigte digitale Bildung für Mädchen und Jungen bereits in der Schule. Im Rahmen der Initiative sollen geschlechterspezifische Stereotype in der Gesellschaft und im Bildungssektor abgebaut werden, damit die junge Generation unabhängig von ihrem Geschlecht den digitalen Innovationsprozess der Zukunft mitgestalten kann.