Mein perfekter Tag

Der Tag an dem ich erkannte, dass Ich-Sein gut ist

„Lass es noch nicht heute sein.“, dachte sie. Nein, wenn dann dachte ich das.

Ich konnte doch nicht von mir selbst in der dritten Person reden, und schreiben würde auch niemand über mich, ich war bei Gott keine Berühmtheit. Ich war nur ich.

Als ich mit einem Auge in den Spiegel schaute und das andere dabei noch zukniff hatte ich den schrecklichen Drang nach einer Bürste, um dieses Vogelnest auf meinem Kopf zu entfernen. Es dauerte einige Minuten, o.k vielleicht auch eine viertel Stunde bis ich mir selbst das Zertifikat „in Ordnung“ gab.

Fürs Frühstück war es wie immer zu spät. Noch ein Grund warum ER sich seit gestern nicht gemeldet hat, ich hatte es in unserer 2-wöchigen Affäre nicht einmal geschafft, dass ich in der Früh aufgestanden bin, um zumindest eine Kapsel in meine Kaffeemaschine einzuwerfen. Ich war machtlos gegen meinen Drang zu Schlafen, den ich war verliebt in die Geborgenheit, die mir meine Decke jede Nacht schenkte. Meine Mutter hat einmal behauptet ich würde mein ganzes Leben verschlafen, wenn ich so weiter mache. In dem Moment als ich an meine Mutter dachte, stand ich schon mitten im Büro. Keiner nahm davon Notiz, dass es bereits zehn nach neun war und ich erst jetzt auftauchte. In der Tür hinter mir stand der Postbote und grinste wahrscheinlich, wie immer. Schnell und elegant versuchte ich einen Fuß vor den anderen zu setzten.
Als ich plötzlich meinen Namen hörte blieb ich jedoch stehen. Ich drehte mich um, der Postbote grinste immer noch. Etwa weil mein Versuch elegant auszusehen gerade gescheitert war? Nein, er hielt etwas in der Hand, das scheinbar mir gehören musste. Ein gelbes Paket, an mich adressiert. Ich ging auf ihn zu, nahm es in die Hand, unterschrieb und als ob ich jeden Tag spannende Post erhalten würde, ging ich an meinen Arbeitsplatz. Ich öffnete das Paket und wurde von einem Strauß weißer Rosen überrascht. Instinktiv wollte ich die Kiste wieder schließen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, doch meine Kollegen wurden von ihren Blicken in dem Moment, der sich für mich so schön, wie die Geborgenheit meiner Bettdecke anfühlte, 1 Meter vor meinen Schreibtisch gezogen. Jemand hatte sogar bereits eine Vase in der Hand. Als sich die Schar um mich wieder auflöste, öffnete ich eine Karte, die ich noch in letzter Sekunde vor all den neugierigen Blicken verstecken konnte. „Für die schönste Frau der Welt. Alles Gute zum Geburtstag.“
Jetzt war der Zeitpunkt, wo ich wahrscheinlich kreischen müsste, wie ein 15-jähriger Teenager. Stattdessen nahm ich aber den Hörer meines Telefons ab und wählte die Nummer, die ich nie wählte, weil ich ständig auf einen Anruf gewartet hatte. Als das Freizeichen ertönte, schaute ich über meine rechte Schulter in den Spiegel an der Wand. „Zum Glück, war ich, ICH.“, dachte sie.