Vea Kaiser im MADONNA-Talk

Bestsellerautorin

Vea Kaiser im MADONNA-Talk

Drei unter dreißig. Mit Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger gelingt Schriftstellerin Vea Kaiser (30) ein persönlicher Hattrick, ihr neuester Roman ist seit dieser Woche im Handel erhältlich. Damit erfüllte sich die junge Bestsellerautorin ein selbst definiertes Lebensziel, immerhin war das Buch Ende Sommer und damit noch lange vor dem runden Geburtstag im Dezember fertig. Während der literarischen Finalphase wurde fast „en passant“ noch ein großes Hochzeitsfest gefeiert, als Vea Kaiser ihrem geliebten „Dottore Amore“, einem Wiener Urologen mit italienischen Wurzeln, das Jawort gab.

Nachgefragt. Viel los im Hause Kaiser und auch keine Beruhigung in Sicht, bedenkt man, dass die 30-Jährige mit ihrem neuesten Werk auf Lesereise in über 80 (!) Städte zieht – und parallel dazu schon die Idee zum nächsten Schmöker hat. Mit ­MADONNA sprach die ehrgeizige Autorin, Altphilologin und Leopoldstadt-Liebhaberin über ihr Faible für skurrile Familiengeschichten und verrät, warum sie sich bereits Gedanken über ihr eigenes Begräbnis gemacht hat.


Gratulation zum dritten Streich! Der Roman „Rückwärtswalzer“ hat, wie seine beiden Vorgänger, die Familie im Fokus — woher kommt die Begeisterung für dieses Thema?
Vea Kaiser:
Ich glaube, wir können alle nur über Dinge schreiben, die wir ver­stehen und fühlen. Ich könnte nicht über das einsame verlorene Individuum der Großstadt schreiben, da ich nicht weiß, wie das ist. Für mich ist Familie die wichtigste Organisationsform, die ich kenne. Ich komme selbst aus einer großen Familie, habe einen halben Süditaliener ge­heiratet, der auch eine große Familie hat. Familie hat ein sehr interessantes Charakteristikum – egal, wie man sein Leben führt, man kommt ihr nicht aus. Wir können den Kontakt abbrechen, stundenlang in Psychotherapien versuchen, Erlebtes zu verstehen, aber das Thema gehört zu unserer Identität und wird uns immer prägen und begleiten.

Bestehen Ähnlichkeiten zwischen Ihrer li­terarischen Familie Prischinger aus „Rückwärtswalzer“ und der eigenen?
Kaiser:
Meine Familie ist natürlich nicht wie die Familie Prischinger. Aber was ich mitgenommen habe, sind die Geschichten vom Aufwachsen in einem besetzten Österreich. Alle meine Großeltern kommen in Gesprächen immer wieder auf ihre Erinnerungen an russische Besatzungssoldaten, die sie als Kinder allgegenwärtig vernommen haben. Das hat mich immer fasziniert. Und etwas, das definitiv aus meiner Familie kommt und im Buch wiederkehrt, ist diese starke Verbindung der Schwestern. Geschwisterbindung habe ich sehr prägnant selbst erlebt.

Hat sich durch Ihre Heirat im vergangenen Sommer das Verständnis von Familie ver­ändert?
Kaiser:
Das nicht, aber meine Organisa­tionsbestrebungen – wir sind ja plötzlich viel mehr Leute. Jetzt haben mein Mann und ich Monate damit verbracht, Lösungen zu finden, unseren Tisch zu vergrößern, obwohl wir eigentlich keinen Platz in der Wohnung haben (lachend). Das ist neu. Ich muss auch sagen, dass ich nicht ohne Zufall einen Mann geheiratet habe, der einen ähnlichen Sinn für Familie hat und der sich nicht beschwert, wenn ich sage, dass wir etwa an dem einzigen freien gemeinsamen Tag der Woche zur Oma Schnitzelessen fahren. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es für eine Ehe gut wäre, wenn die beiden Partner verschiedene Vorstellungen davon hätten.

Sie konnten diese ja scheinbar schnell für sich klären, immerhin waren Sie nach einem halben Jahr Beziehung verlobt …
Kaiser:
An dieser Stelle zitiere ich gerne Jane Austen, Sense and Sensibility: „Die ­einen brauchen sieben Jahre, um sich ­kennenzulernen, anderen reichen sieben Stunden.“ Ich habe nie gedacht, dass ich selbst so ein „Sieben-Stunden-Mensch“ wäre, aber ich habe Gott sei Dank einen sehr mutigen Mann kennengelernt, der, glaube ich, schon nach zwei Monaten Beziehung darüber nachgedacht hat, wie der Verlobungsring aussehen soll, und nach sechs Monaten, am ersten Abend unserer gemeinsamen Weltreise, auf die Knie gefallen ist. Mutig, wir hatten ja danach sechs Monate Reise in Planung, es hätte alles auch anders kommen können (lacht). Aber im Endeffekt gibt es keinen schöneren Liebesbeweis, als jemanden, der sagt: Ich muss mir das nicht anschauen, ich kenne dich, ich spüre dich.

Und neben der Hochzeitsplanung haben Sie dann einfach noch Ihr Buch fertiggeschrieben ... Hut ab vor Ihrem Multitasking!
Kaiser:
Das war super, weil ich so keine Zeit hatte, mich von der Hochzeit stressen zu lassen. Außerdem kommen zur Hochzeit nur Menschen, die einem grundsätzlich wohlgesonnen sind, im Gegensatz zu einer Buchveröffentlichung, die offen für alle und jegliche Form von Kritik ist. Ich war so viel nervöser bezüglich des Buches, denn ist es einmal gedruckt, bleibt es schließlich für immer.

Demnächst geht es auf Lesereise in über 80 Städte. Wie bereiten Sie sich drauf vor?
Kaiser
: Ich habe es mir ein wenig wie ein Unternehmensberater legen können und werde immer unter der Woche unterwegs sein, um für die Wochenenden nach Hause zu kommen. Mein armer Mann wird währenddessen sicher verhungern …

Sie sind also die Versorgerin?
Kaiser:
Ja, Davide kann nicht kochen, und wir haben die Aufteilung, dass er dafür die Küche putzt. Das ist superpraktisch, denn die Küche aufzuräumen ist weitaus anstrengender als zu kochen. Aber das hat er Gott sei Dank noch nicht bemerkt.

Was darf auf dieser Lesereise nicht fehlen?
Kaiser:
Meine Laufschuhe. Es gibt nichts Besseres, als einen neuen Ort beim Joggen kennenzulernen. Es ist auch ein super Ausgleich zur Lesereise, bei der man einen eher unausgeglichenen Alltag pflegt. Außerdem hatte ich immer das Ziel, vor der Dreißig drei Romane zu schreiben, was ich geschafft habe, weshalb mein neues Ziel bis zum Vierziger ist, einen Marathon unter vier Stunden zu laufen. Man muss ja auf irgendetwas hinarbeiten.

Das Thema Tod spielt in „Rückwärtswalzer“ im Rahmen einer chaotischen Leichenüberführung eine große Rolle. Haben Sie sich mit der eigenen Endlichkeit auch schon einmal auseinandergesetzt?
Kaiser:
Ich finde das sehr wichtig, weshalb ich mein eigenes Begräbnis schon „geplant“ habe. Man weiß ja nie, was sein kann. Sollte mir etwas passieren – was ich natürlich nicht hoffe, da ich dieses Leben grandios finde –, will ich nicht, dass sich meine Familie darüber Gedanken machen muss. Ich habe leider zwei Mal erleben müssen, dass Freunde in meinem Alter gestorben sind. Eine Freundin wurde plötzlich aus dem Leben gerissen, und mein ehemaliger Mitbewohner wiederum wusste, dass er gehen muss. Wenn so ein junger Mensch stirbt, gibt es nichts, das tröstet. Er hat die letzten Wochen und Monate damit verbracht, seinen Abschied zu regeln. Und es hilft tatsächlich, zu merken, dass dieser Abschied von der Person erdacht wurde. Dementsprechend habe mich einmal hingesetzt und überlegt, wie ich das im Fall der Fälle gerne hätte. Man lebt ja auch dadurch weiter, wie man sich verabschiedet. Ich habe auch letzte Worte aufgeschrieben, für den Fall, dass ich sie selbst nicht mehr sagen kann. Vielleicht liegt es daran, dass ich Latein und Altgriechisch studiert habe und mich somit stark mit Dingen auseinandergesetzt habe, die so lange überdauert haben. Wir sind alle für so kurze Zeit auf der Erde, und ich denke, dass es ein urmenschliches Bedürfnis ist, etwas zu hinterlassen. Seien es Kinder oder ganz banal, indem man Bücher schreibt (schmunzelt). Jeder Schriftsteller hat dieses Bedürfnis. Da sollten die letzten Worte auch gut passen (lacht).

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