Gewalt gegen Frauen: Was jetzt passieren muss

Frauenhaus-Chefin Rösslhumer im Gespräch

Gewalt gegen Frauen: Was jetzt passieren muss

Was oft mit verbalen Abwertungen beginnt, kann sich rasch zu einer Spirale der Gewalt entwickeln:  18 Frauen starben heuer durch männliche Hand. Was die Statistik und die Expertin dazu sagen.

Ein Mann aus NÖ, der Ende Oktober zum Messer greift, weil ihn seine Ehefrau verlassen will – und auch vor dem Mord an den Kindern nicht zurückschreckt. Ein Tiroler, der nur drei Wochen zuvor nach dem Rauswurf durch die Freundin nicht nur diese und deren neuen Freund, sondern gleich auch deren ganze Familie auslöscht. Männliche Gewalt ist keineswegs im Rückgang – die österreichischen Frauenhäuser führen eine Statistik, die aufrütteln sollte: Jede fünfte Frau ist demnach in Österreich ab ihrem 15. Lebensjahr körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Jede dritte musste sexuelle Belästigung erfahren. Und jede siebente Frau ist von Stalking betroffen.

2018 gab es 41 Morde an Frauen – der höchste Wert seit Jahren: Und auch heuer sind schon 18 weibliche Mordopfer zu beklagen. Sogenannte Femizide kündigen sich in der Regel schon lange vorher an, ­erklärt Frauenhaus-Chefin Maria ­Rösslhumer im MADONNA-Gespräch. Deshalb sei es u. a. notwendig, mehr Mittel im Kampf gegen Gewalt an Frauen aufzuwenden und für mehr Bewusstsein zu sorgen (Frauen-Helpline: 0800 222 555).

Maria Rösslhumer. Die Geschäftsführerin der Frauenhäuser im MADONNA-Interview.
 Maria Rösslhumer (Verein Autonome Österreichische Frauenhäuser) © APA/GEORG HOCHMUTH

Eine Reihe von Morden an Frauen – und zum Teil deren Familienangehörige – hat für neue Diskussion über Gewalt an Frauen gesorgt. Merken Sie als Geschäftsführerin der Frauenhäuser denn einen Anstieg an Gewalttaten?
Maria Rösslhumer:
Das ist schwer zu sagen, weil wir natürlich nicht alle Frauen aufnehmen können, die Hilfe brauchen. Aber es gibt wie immer lange Wartelisten – letztes Jahr waren es 300 Frauen, die nicht aufgenommen werden konnten. Der Bedarf ist höher als die Zahl an Plätzen, die wir haben. Wahrscheinlich sogar noch höher, als wir glauben. Denn viele Frauen wissen nicht, wo sie sich Hilfe holen können.


Sie befürchten also eine hohe Dunkelziffer. Wie kann man diese Frauen denn erreichen?
Rösslhumer:
Die Dunkelziffer ist sicher sehr hoch. Solche Frauen könnte man erreichen, indem man mehr Öffentlichkeitsarbeit macht. Jeder Haushalt sollte, genauso wie bei der Nummer der Polizei, über die Frauen-Helpline und die Frauenhäuser in der Region Bescheid wissen. Es ist wichtig, dass betroffene Frauen verstehen, dass sie nicht die Einzigen sind, denen so etwas passiert. Denn das sind sie nicht.

Da lässt sich eine Forderung nach mehr Mitteln heraushören? Bewusstseinskampagnen und Co. kosten ja viel Geld …
Rösslhumer:
Ja. Wir haben errechnet, dass es mindestens 210 Mio. Euro im Jahr bräuchte. Das ist aber ein Bruchteil dessen, was der Staat sonst für die Folgekosten von häuslicher Gewalt ausgeben muss – die EU hat diese für Österreich kürzlich mit 3,7 Mrd. Euro berechnet. Wenn wir nur ein bisschen davon in Prävention investieren, könnte viel verhindert werden. Es braucht etwa flächendeckende Bewusstseinskampagnen, ausreichend Personal für Opferschutzeinrichtungen und es wäre ganz wichtig, Berufsgruppen zu schulen, die in irgendeiner Weise mit häuslicher Gewalt zu tun haben könnten. Das fängt schon bei KindergärtnerInnen und SchulpädagogInnen an und geht bis zu Gesundheitswesen, Polizei, Justiz und sozialen Einrichtungen. Wichtig ist auch der Ausbau der opferschutzorientierten Täterarbeit, also dieser Anti-Gewalt-Trainings. Wenn dann auch noch die Gesetze, die es bereits gibt, gut und wirksam im Sinne des Opferschutzes umgesetzt werden und die Justiz auch genug Personal hat, ist schon viel getan. Das ist auch ein Appell an die nächste Regierung.

Reichen die derzeitigen Gesetze aus?
Rösslhumer:
Wir haben hier im Grunde gute Gesetze, die müssen nur umgesetzt werden. Ein verschärftes Strafmaß bringt ja nichts, wenn wir uns die derzeitige Situation anschauen: Denn viele Anzeigen werden relativ rasch wieder eingestellt, und wenn es zu einem Strafprozess kommt, dann gibt es nur in zehn Prozent der Fälle auch eine Verurteilung. Wir sind der Meinung, dass die Gesetze ausreichen, aber die Staatsanwaltschaft noch lückenloser ermitteln müsste. Also, dass nicht einfach bei „Aussage gegen Aussage“ das Verfahren eingestellt wird, sondern die Staatsanwaltschaft etwa auch die Nachbarn befragt, Familienangehörige vorlädt oder sich in der Schule erkundigt, ob die Kinder auffällig waren. Wenn etwas darauf hinweist, dass jemand womöglich gefährlich ist, muss er zur Verantwortung gezogen werden.


Denn prinzipiell kündigen sich Femizide ­immer schon lange vorher an, oder?
Rösslhumer:
Richtig. Meistens sind diese Täter in ihren Beziehungen schon vorher gewalttätig. Solche Morde passieren nicht von heute auf morgen – der Täter hat das schon im Kopf. Wenn die Frau auch nur ansatzweise ankündigt, ihn etwa zu verlassen, droht er meistens schon: „Wenn du gehst, wirst du das wohlmöglich nicht überleben.“ Das ist ja auch der Grund, weshalb viele Frauen, die Gewalt erfahren, sich nicht trauen, sich zu trennen.


Es handelt sich also um eine gewalttätige Abwärtsspirale, an deren Ende Mord steht?
Rösslhumer:
Genau. Oft beginnt es mit verbaler Gewalt, mit Einschüchterungen und Bloßstellungen vor anderen oder generell frauenverachtendem Verhalten. Das ist ja noch immer sehr stark in den Köpfen vieler Männer drinnen, dass Frauen nicht ebenbürtig sind. Oft ist Besitzdenken da noch sehr stark verankert.

Warum morden diese Männer?
Rösslhumer:
Die meisten Männer morden, weil sie nicht gelernt haben, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen, Konflikte gewaltfrei zu lösen, Bedürfnisse zu äußern oder mit ihrer Partnerin zu reden. Das Problem ist ein anerzogenes Muster, dieses „Man muss als Mann stark sein, ein Mann darf keine Gefühle zeigen und keine Fehler eingestehen“. Wenn eine Frau einen Mann dann verlässt, wird das als Schwäche ausgelegt und kann von ihm nicht ertragen werden. Ein wirklich patriarchales Männlichkeitsbild, aufgebaut auf Macht und Kontrolle, das zum Teil noch sehr tief verankert ist. Wenn ich in Schulen Vorträge halte, sind da oft Burschen, die glauben sie könnten ihrer Partnerin vorschreiben, wie sie sich anziehen oder benehmen soll. Das ist leider immer noch sehr tief in den Köpfen vieler Männer drinnen.

Wie kann man da etwas bewirken?
Rösslhumer:
Ich glaube, man muss Männer ständig konfrontieren – Männer müssen auch andere Männer konfrontieren, wenn diese frauenverachtendes Verhalten, Gewalt oder Aggression an den Tag legen. Es braucht einfach mehr Zivilcourage. Oft ist es ja so, dass sich die Umgebung denkt: „Ich will mich da nicht einmischen, weil es könnte ja sein, dass das kontraproduktiv ist.“ Aber damit haben diese Täter einfach so einen Freiraum und können weiter so agieren. Die Umgebung ist aufgefordert, sich mehr zu trauen, mutig zu sein.

 

16 Tage gegen Gewalt an Frauen
Im Rahmen der Aktion „16 Tage gegen Gewalt an Frauen“ – initiiert von den Autonomen Österreichischen Frauenhäusern ab 25. November – veranstalten die „wienerinnen.neubau“ am 4. Dezember einen kostenlosen Selbstverteidigungs-Workshop für Frauen. Unter dem Motto: „Grenzen setzen, raus aus der Opferrolle“ (Schottenfeldgasse 20, 1070 Wien, um 18 Uhr; Anmeldung unter: office @ra-wien.at).
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