Die neue Lust am Muttersein

Mütter-Generation 2010

Die neue Lust am Muttersein

Silke ist 30 und wohnt in Düsseldorf. Die Künstleragentin liebt shoppen, auch wenn ihr Freund Frederik sie dafür manchmal für verrückt erklärt. Silke hat früher ab und zu knapp 1.000 Euro für eine ihrer heiß geliebten Taschen ausgegeben. Früher. Das heißt bis vor knapp zwei Jahren. Denn: Silke ist jetzt Mutter. Und durch ihre eineinhalbjährige Tochter Lilly hat Silke ein neues Hobby gefunden. Nämlich shoppen für Lilly. Vor kurzem konnte Silke etwa bei einem Paar cognacfarbener Mini-Wildlederstiefel mit Lammfell-Fütterung nicht nein sagen. Um 150 Euro waren die ja auch fast ein Schnäppchen, denn jedes Promi-Kind hat mindestens ein Paar. Weshalb also Lilly nicht?

„Unsere Augenringe verbergen wir hinter chicen Sonnenbrillen.“ Nana Heymann über das Phänomen „Yummy Mummy“

Neue It-Bag
Silke ist eine von dreiunddreißig jungen (werdenden) Müttern, die Nana Heymann (33) für ihr Buch Generation Wickeltasche. Die neue Lust am Muttersein – Begegnungen mit jungen Frauen getroffen und zu ihrem Mutterglück befragt hat. Wieso Generation Wickeltasche? Weil die Wickeltasche die neueste It-Bag symbolisiert. Ein Baumwoll-Teil mit praktischen Einsätzen und Zippverschluss reicht längst nicht mehr. Bei Silke wurde es ein Modell aus braunem Kroko-Leder um knapp 300 Euro. Für die neuen Mütter ist Muttersein eben Lifestyle. Babys und Kinder sind jetzt in, denn längst ist es nicht nur in Hollywood chic geworden, ein Baby zu bekommen und sich als stilsichere Mutter zu präsentieren. Die neuen Mütter haben nie fettige Haare, gehen zum Mutter-Kind-Yoga und machen, wie gesagt, die Wickeltasche zum heiß begehrten Must-Have. Sie sind zwischen Mitte zwanzig und Ende dreißig und gehören jener Generation an, die kürzlich noch unbeschwert gefeiert hat. Nun sind es ihre Kinder, die ihnen (zumindest meistens) Spaß und Freude bereiten. Was für andere Arbeit ist, erledigen sie mit Lässigkeit, Stil und Haltung. Alles dreht sich um das Wohl der Familie. Auch Autorin Nana Heymann ist eine dieser neuen „perfekten Mütter“. Doch was steckt tatsächlich hinter dieser perfekten Fassade? „In meinen Gesprächen wurde oft deutlich, dass die Fassade lediglich ein Schutzschild ist. Hinter den großen Sonnenbrillen lassen sich die Augenringe gut verstecken, das Designer-Outfit täuscht über Unfähigkeit und Überforderung hinweg“, so die Autorin und junge Mutter.

Lebensgeschichten
Ehrlich und unverblümt beschreiben Heymanns Kurzgeschichten das Leben von dreiunddreißig Müttern – vor dem Kind und mit Kind, zwischen Hoffnung und Zuversicht, aber auch zwischen Angst und Zweifel. Denn auch die neue Generation von Müttern muss sich mit Problemen auseinandersetzen. Sie geht nur anders als die Generation davor mit der neuen Rolle um. Das 235 Seiten starke Buch zeigt in dreiunddreißig Kapiteln – eine Mutter und ihre Story pro Kapitel –, worauf es Müttern heute ankommt und was hinter ihrem selbstbewussten Auftreten steckt.

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Akzeptanz
Tessa, Jonna, Barbara, Nadine, Dorothee, Marion und viele mehr. Die neuen Mütter. Manche von ihnen wurden ungewollt schwanger, andere haben es präzise geplant. Bei anderen hat es erst nach einigen Anläufen und scheinbar unüberwindbaren Hindernissen geklappt. Für die meisten ging der unbeschwerte Alltag mit ihren (trotzdem heiß geliebten) Kindern verloren. Und eigentlich allen ist die Akzeptanz ihres neuen Lebens schwer gefallen. „Vielleicht ist es das, worauf es beim Muttersein ankommt: die Veränderungen zu akzeptieren, das Loslassen zu lernen. Man kann damit nicht früh genug beginnen. Das klingt aber vermutlich einfacher, als es ist“, so die Autorin über die großen Veränderungen. Die jungen Mütter berichten über die Suche nach dem perfekten Kinderwagen – muss es die Luxus-Edition im Preis eines Kleinwagens sein oder reicht ein „einfaches“ Modell? – über den Wunsch eine „Yummy Mummy“ wie Hollywoods neue Mütter Nicole Richie und Co. zu sein. Auch die Suche nach dem perfekten Namen (Ist Leon wirklich der neue Kevin?) und die wenige Zeit mit dem Partner werden in Generation Wickeltasche gnadenlos thematisiert. „Ein ganz wichtiger Aspekt war für mich auch der Druck, der plötzlich da ist und auf den einen kein Ratgeber der Welt vorbereiten kann“, erklärt Nana Heymann ihre Beweggründe, ein derartiges Buch auf den Markt zu bringen, „Das Schlimmste ist der Druck der anderen, der besseren Mütter!“ Und auch diese – perfekten Mamis – lässt Heymann zu Wort kommen.

Schicksale
Eine der berührendsten Kapitel in Generation Wickeltasche ist wohl „Try and Terror“. Darin berichtet Florentine (33) über ihre (missglückten) Versuche, schwanger zu werden. Zwei Fehlgeburten musste die Innenarchitektin erleiden, bis ihr endlich Tochter Maya geschenkt wurde. Florentine und ihr Freund Benny wollten bereits aufgeben, denn „eine weitere Fehlgeburt hätte ich nicht so schnell verkraftet“, so die Stuttgarterin. Nach Mayas Geburt fühlte es sich für Florentine „überwältigend an, endlich dazuzugehören“, zum Klub der neuen Mütter, einer neuen Generation.

Zukunft
Denn eines haben die dreiunddreißig völlig unterschiedlichen Frauen gemeinsam – sie sind die neue Mütter-Generation, die zwischen Karriere, Kind und dem perfekten Mutter-Sein hin- und hergerissen ist. Ihre Kinder sind die Zukunft. Autorin Nana Heymann zählt sich selbst zu ihnen. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihrer zweijährigen Tochter in Berlin-Prenzlauer Berg. Die 33-Jährige will mit Generation Wickeltasche endlich mit Klischees aufräumen und die „Betroffenen“, die jungen Mütter selbst, zu Wort kommen lassen. Ihre Wickeltasche kostete übrigens 150 Euro, war von einem österreichischen Jungdesigner und schon nach ein paar Wochen kaputt.

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