Autorin Menerva Hammad lädt zum Umdenken ein

Moderne Parabeln

Autorin Menerva Hammad lädt zum Umdenken ein

Die Erinnerungen der ägyptischen Genitalverstümmlerin sind keine leichte Lesekost. Doch die Konsequenz, die diese Frau zieht, nachdem ein elfjähriges Mädchen auf ihrem Behandlungstisch verstirbt, lässt die Lesenden alle Vorurteile überdenken. Ein besonders drastisches Beispiel, gilt die überraschende und lehrreiche Wendung jedoch für die meisten von Autorin Menerva Hammads Geschichten, die sie in ihrem ersten Buch „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ gesammelt hat. 
 
18 Storys aus der ganzen Welt hat die 30-Jährige, die seit zehn Jahren als freie Journalistin und Bloggerin arbeitet (sie war auch für MADONNA tätig), darin zusammengetragen. Zwar mit Wien als Basis, befindet sich Hammad, bedingt durch den Job ihres Mannes, stets auf Reisen: Gelebt hat die junge Familie inklusive Tochter Laila (3) in Kuwait und Texas, kürzlich auch im schottischen Aberdeen, nur um demnächst wieder in der Wüste der Emirate einzukehren. Stets mit Stift und Block bewaffnet, nutzte Hammad diese Umstände für ihre eigenen Zwecke und erzählt nun auf berührende Weise von Liebe und Leid, Schicksalsschlägen, Neuanfängen und unterschiedlichen Lebensrealitäten. MADONNA traf die sympathische und beredte Autorin zum Talk über Vorbilder, Stereotype und ihr persönliches Kopftuch-Dilemma.  

Wie kam es dazu, dass du begonnen hast, Geschichten zu sammeln? 
Menerva Hammad: Als Teenie habe ich von meinem Umfeld inspirierte Kurzgeschichten geschrieben. Aber als ich einmal im Urlaub bei meiner Oma in Alexandria war, habe ich mitbekommen, dass ihre Nachbarin eine ägyptische Jüdin ist. So jemanden hatte ich vorher noch nie getroffen. Das hat mein Interesse geweckt, ihre Geschichte zu hören. 
 
Gibt es eine Story in dem Buch, das du ­besonders hervorheben könnest? 
Hammad: Jede Geschichte ist eigenständig, jede könnte ein eigenes Buch sein. Aber dann wäre die Message eine andere. Meine Botschaft ist, dass wir alle uns in diesen unterschiedlichen Frauen wiederfinden können. Das ist deine Freundin, deine Nachbarin, deine Bekannte, du selbst. Ich habe sie zusammengestellt, weil Vielfältigkeit Weiblichkeit überhaupt erst ausmacht. Deswegen kann ich keine Geschichte herausnehmen. Andererseits habe ich zum Beispiel für die Geschichte der Genitalverstümmlerin zehn Tage gebraucht, um sie niederzuschreiben. Ich habe danach auch lange nicht im selben Zimmer mit meinem Mann schlafen können. Nicht weil er mir was getan hätte, sondern mich die Erzählung psychisch fertig­gemacht hat. Nachdem das Buch fertig war, habe ich auch mit einer Psychotherapeutin sprechen müssen, weil mich im Grunde alle Geschichten so betroffen haben. 
 
menerva hammad: © Wolak

Wie geht man mit dem Wissen über all diese unterschiedlichen Schicksale um? 
Hammad: Man lernt zu verlernen, was man gelernt hat, und lernt dann Neues dazu. Obwohl ich aus einem südlichen Land komme, bin ich mit dem Narrativ aufgewachsen, dass nur südliche Männer gewalttätig, unzivilisiert oder ungebildet sind. Dann habe ich mich mit einer westlichen Frau unterhalten, deren Mann Universitätsprofessor ist und der ihr gegenüber gewalttätig war. Der Unterschied ist, dass er sich in dieser Gesellschaft nicht dafür rechtfertigen muss, da keiner auf die Idee kommt, dass er so was tun könnte. Einmal habe ich eine Deutsche am Strand von Dubai kennengelernt, sie hat mich damals auf meinen Burkini angesprochen – Architektin, wunderschön, und dann stellt sich heraus, dass sie in einer Mehrehe lebt. Ich als Muslima, die eigentlich die Regeln kennt, dachte mir – warum? Ich habe gelernt, dass auch ich Vorurteile habe. Etwas, womit man sich auch immer wieder konfrontieren muss. Denn auch wenn für mich etwas überhaupt nicht passt, können andere Menschen damit sehr wohl glücklich sein. Meine eigene Freiheit fängt bei mir an und endet aber auch da. Das ist die größte Lehre, die ich für mich aus diesen Geschichten gezogen habe. 

Im Vorwort nennst du einige starke Frauen, die dich im Leben inspiriert haben. Wer sind diese Frauen? 
Hammad: Im Prinzip waren es immer Frauen aus meinem Umfeld. Meine Mama, meine Oma, meine Tante, meine österreichische Nachbarin. Als Teenager wissen wir noch nicht, dass es diese Frauen sind, die uns beeinflussen. Eher denkt man an Popstars, an Schauspielerinnen. Aber wenn man erwachsen wird, dann stellt man fest: Eigentlich ist die eigene Mama voll die starke Frau.

Du erzählst auch von der Zeit, in der du selbst westlicher bekleidet warst, irgendwann hast du begonnen, dich für das Kopftuch zu entscheiden. Was war der Grund für diese Entscheidung? 
Hammad: Es begann damit, dass ich mir noch in der Schule sehr viele Fragen von meinen Mitschülern über den Islam anhören musste und diese nie wirklich beantworten konnte. Meine Familie war religiös, aber meine Mama trug keines, ich trug keines und wir haben nie darüber geredet, wie sich Frau oder Mann zu kleiden haben. Ich habe mich als Muslima identifiziert, aber nicht so weit, dass ich unbedingt ein Kopftuch tragen musste. Meine Haare waren mein Markenzeichen. Ich hatte Dreadlocks, Rastazöpfe, danach einen Pixie. Und irgendwann habe ich den Koran und mehrere Interpretationen davon gelesen und diesen dann für mich ausgelegt. Je mehr ich mich mit meiner Kultur, Herkunft und Religion identifiziert habe, konnte ich mich auch mehr und mehr mit dem Kopftuch identifizieren. Ich hatte aber Zweifel, es anzulegen, weil ich dachte, dass wenn ich mir selbst damit gefallen sollte, würde ich es auch tragen. Und damit unserer Gesellschaft Zeichen aussenden, die ich vielleicht gar nicht aussenden möchte. Aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen, weil ich irgendwann einsah, dass ich mit meinem Namen oder meinem Aussehen niemals zu hundert Prozent akzeptiert werden würde. Dazwischen habe ich es einmal abgenommen – damals hatte ich Liebeskummer und dachte, ich würde mich ohne freier fühlen. Doch ich erkannte, dass die äußere Veränderung nicht genug war. Ich musste von innen an mir arbeiten. 

Was sollen die Leserinnen aus deinem Buch für sich mitnehmen? 
Hammad: Im besten Fall erkennen sie sich selbst in der einen oder anderen Geschichte. Und lernen sich selbst zu verzeihen, was zu verzeihen ist. 

Das Buch „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“ ist erschienen im Braumüller Verlag und erhältlich um 22 Euro. 
Menerva Hammad © Braumüller Verlag
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