Intensive Bemühungen um Freilassung Polanskis

Die überraschende Festnahme von Star-Regisseur Roman Polanski in der Schweiz sorgt für internationale Verwicklungen. Die Außenminister Polens und Frankreichs, Radek Sikorski und Bernard Kouchner, forderten in einem Schreiben an ihre US-Kollegin Hillary Clinton Gnade für den 76-Jährigen. An die Regierung in Bern appellierten sie, Polanski auf Kaution freizulassen.

Dem Regisseur und Familienvater könnte aufgrund eines US-Verfahrens wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen im Jahr 1977 eine mehrere Monate lange Auslieferungshaft drohen. Ein Sprecher des Schweizer Justizministeriums erklärte am Montag, eine Haftentlassung gegen Kaution sei "nicht ganz ausgeschlossen". Allerdings sei ein solcher Schritt in der Schweiz an sehr strenge Voraussetzungen geknüpft.

Polanski kann gegen seine Verhaftung und eine mögliche Auslieferungsentscheidung gerichtlich vorgehen, was er nach Aussage einer seiner Anwälte auch tun will. Die USA haben 60 Tage, ein formelles Auslieferungsgesuch nachzureichen. Sollte das schweizerische Justizministerium dem US-Antrag stattgeben, könnte Polanski dagegen noch in mehreren Instanzen klagen. Die einzige Möglichkeit, das Verfahren zu beschleunigen, wäre die Zustimmung Polanskis zu einer formlosen Auslieferung in die USA. Ein vergleichbarer Fall um die Auslieferung des früheren russischen Atomenergieministers Jewgeni Adamow vor vier Jahren zog sich sieben Monate hin.

Polanski war am Samstag während des Besuchs eines Filmfestivals, wo er für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, aufgrund eines US-Haftbefehls festgenommen worden. Polanski verbrachte seine Jugend in Polen, wo er mit einer Flucht aus dem jüdischen Ghetto in Krakau die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten überlebte. Seine Mutter wurde in Auschwitz umgebracht. In den vergangenen drei Jahrzehnten lebte Polanski in Frankreich. Er hat die französische Staatsbürgerschaft.

Verurteilung aus Politik und Kultur

Kouchner sprach von einer "düsteren Geschichte". Es sei etwas erstaunlich, dass Polanski der Einladung eines Schweizer Filmfestivals folge und bei seiner Ankunft - mehr als 30 Jahre nach der Tat - die offenbar von irgendjemandem informierte Polizei auf ihn warte. "Das ist alles nicht sehr hübsch", sagte Kouchner dem französischen Radiosender France-Inter.

Der französische Kulturminister Frederic Mitterand sagte, Polanski sei "den Löwen vorgeworfen" worden. Damit habe sich Amerika von seiner furchterregenden Seite gezeigt. Zahlreiche Schauspieler, darunter etwa Costas Gawras oder Monica Bellucci, verurteilten die Festnahme Polanskis in einer Petition. Auch der polnische Oscar-prämierte Regisseur Andrzej Wajda forderte zusammen mit zahlreichen Kollegen die Freilassung Polanskis.

Deal der Schweiz wegen Steuerstreits mit den USA

Die USA fahnden seit Ende 2005 weltweit nach Polanski. Er floh im Februar 1978 aus den Vereinigten Staaten. Dort war ein Prozess gegen ihn anhängig, nachdem er 1977 den sexuellen Missbrauch eines 13-jährigen Mädchens gestanden hatte. Polanski flüchtete, nachdem der Richter ihn mit einer höheren Gefängnisstrafe bedroht hatte als vereinbart. Im Mai dieses Jahres wies ein US-Richter den Antrag Polanskis ab, den Missbrauchsprozess einzustellen. Das damalige Opfer, Samantha Geimer, hat seit langem ein Ende des Verfahren gegen Polanski gefordert. Sie hat ihn zivilrechtlich verklagt und eine Entschädigung in unbekannter Höhe erhalten.

Teile der nationalen wie internationalen Presse vermuten hinter der Festnahme eine Geste gegenüber den USA, um sie für weitere Verhandlungen im Streit um hinterzogene Steuermillionen sanfter zu stimmen. Obwohl die Regierung, wie etwa Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf abstreitet, dass es Druck aus den USA gegeben habe, so wirke das anschließende offizielle Lob aus Los Angeles für die Schweiz über die gute Zusammenarbeit doch peinlich, hieß es am Montag in Bern. "Zumindest war es ungeschickt, gerade jetzt dem Recht zu seinem Recht zu verhelfen", meinte ein Beobachter.

In diesem Zusammenhang bekommt auch das Gericht in Kalifornien öffentliche Schelte: Die "Los Angeles Times" stellt fest, dass der Staat Kalifornien, der pleite ist, doch Besseres zu tun hätte, als die alte Geschichte weiter zu verfolgen.

Polanski hatte sich am 16. September zur Premiere des Musicals "Tanz der Vampire" in Wien aufgehalten. Hierzulande wurde laut Justizministerium kein Haftbefehl gegen ihn ausgestellt, weil dahingehend noch Fragen offen geblieben seien.