Herman van Veen im Interview mit der APA

Herman van Veen sprach über Österreich-Programm

Seinen ersten Kuss bekam Herman van Veen bei einem Schulausflug in den Alpen, seine Flitterwochen verbrachte er in Vorarlberg, liebend gern erzählt er Anekdoten über seine Begegnungen Ernst Happel oder Andre Heller. Den engen Bezug zu Österreich will der niederländische Künstler und Liedermacher auch gar nicht abstreiten.

Solche und ähnliche Geschichten finden sich in Van Veens jüngst veröffentlichter Autobiografie - und die eine oder andere wird er möglicherweise auch bei seiner Tour durch Österreich ab 13. April zum Besten geben. Mit der APA sprach der 65-Jährige über sein aktuelles Programm "Im Augenblick" sowie über Bob Dylan, Kinderrechte, die katholische Kirche, Gott und die Welt.

APA: In den vergangenen Jahren haben Sie sich in Ihren Darbietungen mehr auf Musik und Text konzentriert. Sie verzichten auf die großen Bühnenelemente von früher. Was kann man von der aktuellen Tour erwarten?

Herman van Veen: Ich habe vor zehn, 15 Jahren beschlossen, die Dramaturgie der Vorstellungen mehr tagebuchartig zu entwickeln und vorher weniger über das wissen zu wollen, was wir präsentieren. Das hat mit Flexibilität zu tun und reagieren zu können auf das, was sich in der Gesellschaft und in unserem Leben tut. Ich möchte jetzt noch nicht genau wissen, was wir in Wien singen. Der Papst ist nicht mehr der Papst, wie er vor drei Monaten war, also das Wort Papst hat eine andere Bedeutung bekommen. Und damit reagieren wir. Das Publikum und die Gesellschaft haben einen Rieseneinfluss auf das, was wir tun. Das haben Sie gut festgestellt.

APA: Ist das eine konzentriertere und vielleicht auch politischere Herangehensweise als früher?

Van Veen: Ja, sicher. Weniger theatralisch, aber auf eine andere Art und Weise theatralisch. Es ist absolut persönlich. Und gewollt politischer. Es geht mehr um Systeme, um sich wiederholende Phänomene als um Personen.

APA: Bei oberflächlicher Betrachtung könnte jemand, der Ihr Werk kaum kennt, vielleicht glauben, dass Ihre Lieder eine christliche Botschaft haben.

Van Veen: "Vielleicht glauben" finde ich schon gut. (lacht)

APA: Wie stehen Sie in Anbetracht der aktuellen Geschehnisse zu Religion und Kirche?

Van Veen: Ich finde, dass die katholische Kirche sich wahnsinnig viel Mühe geben muss. Und da soll Buße stattfinden, nicht nur Gott, sondern vor allem den Leuten gegenüber. Das muss entheiligt werden, das muss basal zurück gebracht werden auf die Erde. Da haben grausame Sachen stattgefunden. Der Papst kann nicht wegkommen damit, dass das eine Pressebanalität wäre. Unverschämt finde ich das. Er ist der Chef von einer Gemeinde. Die Eltern haben damals ihre Kinder im Vertrauen diesen Herren überlassen, und die Herren haben das Vertrauen beschädigt. Da kommen wir zu einem der wichtigsten Aspekte, den Kinderrechten. Die Kinder haben das Recht, Erwachsenen vertrauen zu können. Und wenn das Vertrauen missbraucht wird, ist das von höchst politischer und ethischer Bedeutung. Da muss Sauerstoff rein. Da muss laut Entschuldigung gesungen werden.

APA: Ihr politisches Engagement hat Sie auch schon in prekäre Situationen gebracht. Im vergangen Jahr wurden Sie etwa nach einer Rede gegen Rechtspopulismus mit dem Tod bedroht. Wie sind Sie damit umgegangen?

Van Veen: Ich war erschüttert. Ich weiß nicht so gut, wie ich mit so etwas umgehen soll. Man hat Angst, es wird warm und kalt. Man weiß nicht, was man tun soll. Man geht zur Polizei. Ich habe es zum Beispiel in Innsbruck erlebt. Alle Leute mussten aus dem Saal raus - und dann haben wir gewartet. Eineinhalb Stunden später durften wir wieder hinein. Man hat Schiss, aber man hat nicht genug Schiss, um nicht zu singen. Ich will überhaupt kein Held sein, das bin ich überhaupt nicht. Es ist nicht immer leicht die Dinge zu sagen, wenn man weiß, was auf einen zukommt. Ich gehe langsam weiter und denke, hoffentlich ist es nicht so ernst gemeint wie es da steht. Ich habe daraufhin ein Lied geschrieben: "Ich bin bang, ich habe Angst im Flugzeug, ich habe Angst vor Menschen, die keine Angst haben, ich habe Angst vor dem Internisten, der lächelt". Dann singt man über seine Ängste und kann wieder Mut haben.

APA: Wir begegnen im neuen Album mit "Ciao" einer Hommage an eine Person, die sich auch immer wieder politisch geäußert hat, nämlich Bob Dylan. Welchen Stellenwert hat sein Leben, seine Musik für Sie?

Van Veen: Ich war verliebt in Bob Dylan! Ich fand ihn fast so schön wie eine japanische Zeichnung. Alles, was er war und sagte, wie er guckte und was er nicht sagte. Das war so ein spannender junger Mann, der da war und nicht da war. Diese Stimme und der Swing, den das hatte. Und diese Sprache! Der spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Das ist für mich jemand, den ich gesehen und wahrgenommen habe in einem Ozean von Gesichtern. Und er hat mich, ohne dass er das weiß, sehr unterstützt. Ich finde, das ist ein prächtiger Mann!

APA: Sie haben so viel erreicht in Ihrem Leben - gibt es noch ein großes Ziel, das Sie nicht erreicht haben? Vielleicht der 3D-Film über Alfred Jodocus Kwak Jr.?

Van Veen: Mein Ziel ist das, was ich getan habe, immer vernünftiger zu tun. Ich habe jahrelang nicht den Mut gehabt, Geige zu spielen, weil das Ding größer war als ich. Und langsam kommt wieder der Mut zurück, selber Geige zu spielen. Und was Alfred Jodocus Kwak betrifft: ich habe 52 Geschichten von Alfred. Alle Geschichten sind lustig geschrieben, aber über ernste Sachen. Es ist natürlich schön, dass Alfreds Sohn das Gegenteil, aber gleichzeitig auch das Gleiche tut. Und auf eine völlig andere Art und Weise.

APA: Sie touren ab April durch Österreich - was verbinden Sie mit dem Land?

Van Veen: Österreich ist für einen Holländer ein erstaunliches Land! Die Berge, die sind viel zu groß für unsere Begriffe. Das ist, als ob ganz Holland gerade steht. Berge sind so erstaunlich phänomenal. Bei meiner ersten Begegnung mit Österreich war ich 17 Jahre alt und Mitglied des holländischen Alpenvereins. Können Sie sich das vorstellen? Das gibt's! (lacht). Da war ein Lehrer, der war Alpinist, ein Freak. Der hat uns mitgenommen nach Österreich, wir gingen in den Alpen klettern. Da ich habe zum ersten Mal ein Mädchen geküsst - und bin total erschrocken, weil sie mir die Zunge in den Mund gesteckt hat. (lacht)

(Das Gespräch führten Marietta Steinhart und Daniel Ebner/APA)

INFO: Österreich-Termine: Amstetten: 13.4.; Wien: 14.4., ausverkauft; Graz. 15.4.; Salzburg: 16.4.; Feldkirch: 18.4.; Tickets erhältlich unter: http://www.oeticket.com, http://www.wien-ticket.at und http://www.ticketonline.at