Henry Rollins: Wunderbare Schimpftirade im WUK

Henry Rollins ist fast 50 - und immer noch zornig. Über Fremdenhass, Krieg, Hunger, Dummheit, über Homophobie, Scharia und Thanksgiving. Am Samstagabend hat der Musiker und Wortkünstler, nach langen Jahren, erstmals wieder in Wien über all dies und mehr geschimpft, zweieinhalb Stunden lang im WUK, scheinbar ohne Luft zu holen. Ein atemloser Abend, witzig und wütend, plakativ und pädagogisch.

"Spoken words" als hohe Kunst: Denn eine Ladyboy-Castingshow mit Death Metal in Sri Lanka, männliche Evolutions-Verweigerung mit US-Kolonisierungsgeschichte derart nahtlos zu verbinden, macht Rollins so bald niemand nach. Rollins ist Kultfigur, und unter dieses Label passen so verschiedene Aktivitäten wie Punkrock-Idol ("Black Flag"), Schauspieler, Autor, Weltreisender, fast 50-jähriger Muskelberg, Tattoo-Anhänger und, nicht zuletzt, Wortkünstler. Und er ist ein leuchtendes Gegenbeispiel für das Klischee vom US-Amerikaner ohne Reisepass: Rollins bereist zwanghaft die Welt, um diese kennenzulernen - denn "wenn man im Libanon und im Iran, in Afghanistan oder in Pakistan eine gute Zeit gehabt hat, dann will man dort niemand mehr wegbomben". Und Rollins erzählt darüber. Denn das gesprochene Wort hat "Macht".

Alleine auf der Bühne stehend, beweist er diese These. Knapp an der Grenze zur Explosion scheint er zu stehen. Da wage Widerspruch, wer will, schon die Überreichung eines Pflasters (Rollins hat sich am Mikro den Finger aufgeschnitten) wird zum Drahtseilakt. Bush steht auf seiner Zornes-Liste, McCain, rechte Amerikaner im allgemeinen. Obwohl Rollins in einer TV-Serie einen neonazistischen Auftragsmörder spielt. Als Ausgleich bewertete er als Juror Ladyboys bei einem TV-Casting. Und merkte nicht erst bei seiner abendlichen Masturbation, dass Männer "alles geil finden, was rasierte Beine hat und sich aufreizend bewegt".

Rollins steht für seine Meinung ein, er unterschreibt seine Ansichten (im Gegensatz etwa zu Online-Postern, die "große Hassreden schwingen, aber zu feige sind, dafür einzustehen"). Also diskutiert er in Saudi Arabien darüber, dass Hormone sich gegen jedes Verbot durchsetzen und "Teenager Sex haben", trotz Scharia. Und dass Frauen anbraten im Iran trotzdem "keine so gute Idee" ist. Dass viele Amerikaner in einer "Dostojewski-artigen Art von Hölle" leben, und dass die Amis ihr Land im "Blutrausch" kolonialisiert haben, um "euch dann die 'Beach Boys' zu bringen". Dass man bei Reden von US-Präsident Barack Obama "die Satzzeichen durch die Luft fliegen sieht" und Zornbinkel Rollins ganz offenbar "doch ein Emo ist", denn nach der Wahl Obamas hat er geweint. Dass das Verbot von Holocaust-Leugnung weniger gut sei als "den Menschen neue Ideen zu geben", die der "Verrohung ihres Intellekts" entgegenwirken.

"Ich versuche, Ärger zu machen - die gute Art Ärger", sagt Rollins, der laut eigenen Erzählungen dem burmesischen Juntachef Than Shwe den Stinkefinger unter die Nase gehalten hat. Zornig ist er, aber nicht zynisch - "wenn ich Zynismus in mir entdecke, sage ich: 'Nein! Mach mehr Liegestütze!'" Zorn ist für Rollins "erhellend", und das war seine Schimpftirade auch (obwohl die mangelnde Reiselust und daraus resultierende Weltfremdheit mehr ein US-Problem ist als ein europäisches). Und so ist es als Versprechen aufzufassen, wenn Rollins sagt: "Jedes Jahr bin ich mehr und mehr angepisst. Wenn ich 80 bin, werde ich toben." Hoffentlich auf der Bühne.

Von Georg Leyrer/APA

INFO: http://www.henryrollins.com/