Die kleine Königin - Judi Dench wird 75

Die heimliche Königin von Großbritannien ist ziemlich klein. Sie misst nur 1,55 Meter. Doch das tut der Tatsache keinen Abbruch, dass Judi Dench zu den Größten ihrer Heimat gehört. Die britische Schauspielerin, die am 9. Dezember 75 Jahre alt wird, wird so sehr verehrt, dass sie in einer Umfrage einst sogar Queen Elizabeth II. als beliebteste Person des Landes auf den zweiten Platz verwies.

Kein Wunder. Dench ist eine so vielfältige Schauspielerin sowohl beim Theater als auch beim Film, dass für jeden etwas dabei zu sein scheint. "Ich frage mich manchmal, welche Rollen für mich noch übrig sind, welche ich noch nicht gespielt habe", sagte sie einmal. Und die Frau mit dem grauen Kurzhaarschnitt, den stechenden Augen und der rauen Stimme ist mit ihren 75 Jahren immer noch bestens im Geschäft.

Ihr Repertoire reicht von der alternden Lesbe in "Tagebuch eines Skandals" über eine alzheimerkranke Schriftstellerin in "Iris" bis zu "M", der Chefin von James Bond. Zudem spielte sie selbst diverse Königinnen: In "Mrs. Brown" mimte sie 1997 Queen Viktoria und bekam eine Oscar-Nominierung. Ein Jahr später spielte sie in "Shakespeare in Love" Elizabeth I., wofür sie dann den Oscar als beste Nebendarstellerin bekam. Und das, obwohl ihr Auftritt nur siebeneinhalb Minuten lang war. "Gwyneth Paltrows Oscar-Dankesrede war länger", sagte Dench dazu mit der ihr eigenen Selbstironie.

Buchstäblich "in love with Shakespeare" gilt auch für Denchs Laufbahn am Theater, wo sie ihre Karriere vor mehr als 50 Jahren begann. Sie spielte wohl alle großen Frauenrollen, die der Dramatiker geschrieben hat: Ophelia in "Hamlet", Lady Macbeth ("meine Lieblingsrolle") oder Julia in "Romeo und Julia". Trotz Lobeshymnen auf ihre Interpretationen hatte sie stets Respekt vor den Rollen. Als sie neben Anthony Hopkins in "Antonius und Cleopatra" die Kleopatra spielen sollte, sagte sie mit Blick auf ihre Größe und ihr Alter: "Dann wird Ägyptens Königin wohl ein Zwerg in den Wechseljahren."

Doch die Britin bleibt eine mit Theater- und Filmpreisen überhäufte Heldin. Der Drehbuchautor und Regisseur Stephen Fry sagte: "Es sollten Absperrungen um Dench errichtet werden, so dass sie alle in einer ordentlichen und respektvollen Art und Weise bewundern können." Und Oscar-Preisträgerin Kate Winslet würde sogar "mit Judi arbeiten, wenn ich eine staubsaugende Tea Lady im Hintergrund spielen müsste". Von Queen Elizabeth II. wurde Dench bereits zur "Dame" ernannt.

Dench wuchs im nordenglischen York auf. Zur Schauspielerei brachte sie ihr Bruder Jeffery. Nachdem sie ihren ersten Bühnenauftritt als Schnecke in der Schule gemeistert hatte, lernte sie wie ihr Bruder an der Central School of Speech and Drama in London und kam später unter anderem zur renommierten Royal Shakespeare Company. Auch in ihrer erweiterten Familie ging es um die Bühnenkunst: Ihr Mann Michael Williams, der 2001 starb, war Schauspieler, und ihre Tochter trat in die Fußstapfen der Eltern.

Dench folgt stets ihrem Instinkt. Sie bekannte, dass sie ein Skript nie liest, bevor sie das Angebot annimmt. "Früher hat mein Mann die Drehbücher gelesen. Seit er gestorben ist, übernimmt das manchmal meine Tochter." Mann und Tochter waren es auch, die sie zu ihrer populärsten Rolle überredeten: zur Chefin des Obermachos Bond, die sie zum ersten Mal in "Goldeneye" spielte. "Mein Mann fand es verlockend, nun mit einem Bond-Girl zusammenzuleben", erklärte Dench. Später genoss sie die weibliche Macht, die sie so oft in ihren Rollen verkörperte. "Man darf den größten Macho der Filmgeschichte herumkommandieren und demütigen." Und mit "M" eroberte Dench dann auch eine der letzten Zielgruppen: "Kleine Jungen im Alter von 9 bis 14 Jahren."