Venedig - Dystopie und Comedy gegen Lethargie

So richtig rund läuft es zu Beginn der 66. Filmfestspiele in Venedig noch nicht: Lange Wartezeiten, schlecht klimatisierte Kinosäle, das ganze Areal ein Baustellenprovisorium - und auch der episch-melancholische Eröffnungsfilm "Baaria" von Giuseppe Tornatore wurde nicht gerade euphorisch aufgenommen.

Der zweite Wettbewerbsbeitrag, die dystopische McCarthy-Verfilmung "The Road" von John Hillcoat, hinterließ am Donnerstag (3.9.) ebenfalls einen zwiespältigen Eindruck. Zum Glück riss im Anschluss Todd Solondz' surreal angehauchte Tragikomödie "Life During Wartime" die Festivalbesucher aus der langsam umgreifenden Lethargie.

Der zweite US-Beitrag im Wettbewerb, so etwas wie ein Sequel zu Solondz' Film "Happiness" (1989), erntete viel Applaus für die unaufgeregt erzählte Geschichte über die alltägliche Suche nach Glück, Liebe und Vergebung in den USA während des Irakkriegs. "Die Charaktere von damals haben mich verfolgt", erzählte Solondz im Anschluss an die Pressevorführung, "aber ich musste mit ihnen spielen, ihr Alter, ihre Geschichte oder ihre Hautfarbe ändern." Entstanden ist ein in Florida angesiedelter, witziger, dialogreicher, sonnig-bunter und vor allem auch politischer Beziehungs- und Familienfilm, der die Leben dreier Schwestern wie ein Puzzle zusammenfügt und seinen Vorschusslorbeeren absolut gerecht wurde.

Eher im freundlichen Bereich bewegte sich der Applaus für "The Road" von John Hillcoat, der die gleichnamige Erzählung von Pulitzer-Preisträger Cormac McCarthy mit Viggo Mortensen und Charlize Theron in Szene setzte. Für Mortensen handelt es sich um eine "schöne Liebesgeschichte", die von Hillcoat "sehr gut adaptiert" wurde, wie er bei einer Pressekonferenz am Nachmittag sagte. Er spielt einen Vater, der mit seinem Sohn nach einer Naturkatastrophe in der postapokalyptischen Welt ums Überleben kämpft. Die starke Leistung der Schauspieler - darunter der kleine Kodi Smit-McPhee - und die ausdrucksstarke Bebilderung der episodisch-düsteren Story geht jedoch irgendwann im Pathos unter.

Noch mehr Geduld als für "The Road" musste man für Tornatores "Baaria" mitbringen. In 150 langen Minuten breitet der italienische Oscar-Preisträger das Los dreier Generationen einer Familie von 1930 bis 1980 komödiantisch aus. Es ist eine Art Suche nach der verlorenen Zeit - als man sich bitterarm durch das Landleben schlug, die Anhänger des "Duce" Mussolini verhöhnte, den Krieg ertrug und auf Kommunisten als Retter aus dem Elend setzte. Elegisch unterlegt Musik-Altmeister Ennio Morricone das pathetische Werk über die geplatzten Träume von einem gerechteren Leben.

Am Nachmittag blieb zu hoffen, dass der Aufwärtstrend mit "Life During Wartime" am Abend fortgesetzt würde. Dann wurde nämlich der österreichische Wettbewerbsbeitrag "Lourdes" von Jessica Hausner erstmals der Presse vorgestellt - und dann wird man auch sehen, ob Hausner für den Gewinn eines Goldenen Löwen vielleicht ein kleines Wunder benötigt.

INFO: http://www.labiennale.org/en/cinema