Sibel Kekilli: "Mord ist Mord und keine Ehre"

Vor sechs Jahren gelang Sibel Kekilli der Durchbruch auf der Berlinale - mit Fatih Akins Drama "Gegen die Wand". In ihrem neuen Film "Die Fremde" spielt Kekilli eine junge Türkin, die versucht, sich aus den Zwängen ihrer traditionell lebenden Familie zu befreien. Das Kinodebüt von Feo Aladag "Die Fremde" kommt in Österreich am 19. März regulär ins Kino.

Zur Premiere in Wien am Montag (15. März) werden Regisseurin Feo Aladag und Schauspielerin Sibel Kekilli kommen.

APA: Sie engagieren sich sehr gegen Ehrenmord.

Sibel Kekilli: Ich mag das Wort Ehrenmord nicht. Mord ist Mord und keine Ehre. Für mich bedeutet Ehre, Respektieren und Tolerieren und vor allem zu sich selbst ehrlich zu sein. Für diese Menschen bedeutet Ehrverlust den Verlust der Kontrolle, der Macht über die Frau, Besitz über die Frau.

APA: Selbst die jüngeren Männer im Film "Die Fremde" helfen ihrer Schwester nicht.

Sibel Kekilli: Es ist nicht einfach, aus dieser Gesellschaft auszubrechen. Denn die Männer werden dann dargestellt als Schwächlinge. Dieser Druck ist unglaublich.

APA: Besonders schlimm war es im Film zu sehen, dass auch die Mutter die Tochter ausliefert.

Sibel Kekilli: Bei der Mutter ist es einfach so, dass wenn die Kinder nicht so sind, wie die Kinder sein sollten, der Mutter vorgeworfen wird, dass sie in der Erziehung versagt habe. Deswegen sind viele Mütter strenger als die Väter!

APA: Sie sind türkischer Herkunft, leben immer schon in Deutschland.

Sibel Kekilli: Ich fühle mich als Deutsche. Ich verleugne nicht meine türkische Herkunft, aber ich bin Deutsche. Ich liebe es, in Deutschland zu leben, weil ich sagen kann, was ich denke.

APA: Sind Sie in Deutschland mit Ehrenmorden oder Zwangsverheiratungen in Kontakt gekommen?

Sibel Kekilli: Ich kenne das jetzt nicht aus meiner näheren Umgebung. Aber ich habe mitbekommen, dass einmal in der Schule ein türkisches Mädchen nicht mehr wiederkam und ihre Brüder schon. Die wurde dann wahrscheinlich verheiratet. Gerade wegen meiner Herkunft muss ich mich da engagieren, denn wenn nicht wir, wer dann?

APA: Sie haben ein kleines Filmkind, wie waren die Dreharbeiten mit ihm?

Sibel Kekilli: Als heftigere Szenen kamen, haben wir diese oft ohne ihn gemacht. Als ich zum Beispiel Baklava zu meinem Vater bringe, sagte er beim dritten Mal: "Ich mache das aber nur noch, wenn sie uns reinlassen. Ich will nicht, dass sie traurig ist!" Das war so süß!

APA: Nach den ganzen Dramen, welche Art von Film möchten Sie nun drehen?

Sibel Kekilli: Ich möchte, dass mein nächster Film eine Komödie wird. Das würde ich sehr gerne machen.

(Das Gespräch führte Tiziana Aricò/APA)