Diagonale 2010: Tom Schilling über "Mein Kampf"

Der deutsche Schauspieler Tom Schilling hat ein zwiespältiges Verhältnis zur Verfilmung von George Taboris "Mein Kampf" durch den Schweizer Regisseur Urs Odermatt. "Ich habe eine andere Tonalität gesehen", sagte der Darsteller des jungen Adolf Hitler am Donnerstagnachmittag (18.3.) im APA-Gespräch vor der Österreich-Premiere des Films im Rahmen der Diagonale in Graz.

"Die Texte und Szenen finden sich schon in der Novelle wieder, das Resultat hat aber nicht so viel mit Tabori zu tun. Was bei Tabori die Groteske ist und die Überhöhung und die Skurrilität und auch teilweise Albernheit, die hat der Film nicht", führte Schilling weiter aus. "Ich finde es teilweise schade, dass genau diese Elemente fehlen, dass der Film sich sehr ernst nimmt und einen starken Hang zum Realismus hat - aber so ist es halt ein anderer Film geworden." Die Kritik der versuchten Erklärungsfindung für Hitlers Werdegang sieht Schilling auch, fügt aber hinzu, dass Tabori in seiner Vorlage ebenfalls psychologisiere. "Aber er überhöht das Ganze halt auch."

Die Zusammenarbeit mit Götz George, der in die Rolle des Juden Schlomo Herzl schlüpfte, bezeichnete der Jungstar als "sehr professionell und hochkonzentriert". George sei "ein großer Schauspieler mit einer unglaublichen Aura", der viel Raum einnehme und neben dem man aufpassen müsse, dass man sich selber auch einen gewissen Platz erobere. Dies gelingt Schilling ausnahmslos mit seinem von fatalen Idealen geschüttelten Zornpaket eines jungen Hitler, mit wirrem Blick und deutschtümelnd verzerrtem Dialekt.

Die Arbeit an "Mein Kampf" sei auf jeden Fall nichts, was er bereue, so der 28-Jährige. "Ich drehe auch lieber Sachen, die kontrovers sind und die mich angreifbar machen als irgendwelche langweiligen Fernsehrollen." Dass jemand wie Christoph Waltz, der über Jahre hinweg nur Fernsehrollen spielte, sich nun als Oscarpreisträger bezeichnen kann, ist für Schilling "auf jeden Fall sehr tröstend in Situationen, in denen man sich kreativ nicht ausgelastet genug fühlt und nicht beachtet genug". Es sei eine "wahnsinnig schöne Geschichte, dass jemand, von dem man die ganze Zeit wusste, dass er toll war, der aber einfach nicht die großen Rollen bekommen hat, dass der mit Mitte 50 jetzt alles bekommt, was man sich als Schauspieler wünscht, eine große Rolle, einen großen Regisseur und viele zurecht bekommene Preise."