Christian Berger: "Avatar ist ein bissl doof"

Nicht zuletzt seit der US-Auszeichnung zum "Kameramann des Jahres 2009" gilt eine Oscar-Nominierung am kommenden Dienstag (2.2.) als möglich. Mit der APA sprach der in Wien lebende Universitätsprofessor über seine Erwartungen für die kommenden Wochen vor der Oscar-Verleihung am 7. März, das Drehen in Schwarz-Weiß und die Unterschiede seiner Arbeit zu jener an einem Film wie "Avatar".

APA: Sie haben für die Kameraarbeit beim "Weißen Band" bereits zahlreiche Kritiker-Auszeichnungen erhalten, nun wird von vielen Seiten auch eine Oscar-Nominierung für möglich gehalten. Was würde Ihnen denn ein Oscar bedeuten?

Berger: Es ist früh genug, sich über den Oscar zu erregen, wenn es dazu kommt. Das ist so abstrakt und weit weg und war nie ein Gedanke. Für den Film fände ich es toll, weil er den Spagat schaffen würde zwischen der Goldenen Palme in Cannes, einer künstlerischen Auszeichnung, und dem Oscar, der doch mehr die kommerzielle Schiene bedient. Und das bei dem sperrigen Film vom Michael Haneke! (lacht) Für die Kamera hat es mich sehr gefreut, dass mich die Kollegen, die American Society of Cinematographers, für ihren Preis nominiert haben. Und diese Anerkennung ist schon toll, weil ich nie gedacht hätte, dass ich dort einmal stehen würde.

APA: Wie stehen Sie denn zu einem Film wie "Avatar"? Können Sie bei so einem Film die Kameraarbeit würdigen?

Berger: Ja, natürlich. Kino war immer schon Jahrmarkt, hat als Jahrmarkt begonnen. Aber ich kann das nicht, das ist eine ganz andere Welt, ein ganz anderes Schauen. Und auch in dem Bereich wäre mir die Geschichte sehr wichtig. Und da ist mir "Avatar" einfach ein bissl zu doof. Für mich ist Kino einfach etwas anderes, ich sehe mich schon mehr in der europäischen Tradition.

APA: Ein Hollywood-Angebot würden Sie also gar nicht in Erwägung ziehen?

Berger: Naja, Hollywood ist ja nicht automatisch gleich "Avatar". Ich habe schon sehr interessante Gespräche geführt mit ganz tollen Regisseuren, das hängt einfach von der Geschichte ab.

APA: Worauf legen Sie denn am meisten wert bei der Kameraarbeit?

Berger: Für mich ist das wichtigste, sich nicht unter das Diktat der Technik zu begeben. Gerade mit dem Wechsel vom Analogen zum Digitalen - oder alle Mischformen - ist die Technik natürlich ein großes Thema. Das Handwerk schätze ich sehr hoch, aber ich will meine Kunst nicht vom Manual irgendeines Herstellers bestimmen lassen. Ich möchte schon selber bestimmen, was Schauen bedeutet und was Bilder bedeuten. Ich fühle mich den Malern da näher. Und eine künstlerische Auffassung ist mir wichtiger als wie viel Pixel oder welche Empfindlichkeit ein Film hat.

APA: Wie lange beschäftigen Sie sich denn mit einer einzelnen Einstellung?

Berger: Das kann man so schwer sagen. Mein Vater war Maler und ich habe da immer zugeschaut. Ich glaube, das kann man schwer lernen, das ist eine Art des Sehens. Beim Licht kann man von den Malern viel lernen, die müssen ja auch das Licht in einem unglaublichen Komprimierungsvorgang auf ein Stück Leinwand übertragen. Diese Aufgabe haben wir auch, mit ein bisschen mehr Licht. Eine große Herausforderung bzw. ein großer Reiz war für uns natürlich das Schwarz-Weiß...

APA: ... aber gedreht wurde doch in Farbe.

Berger: Ja, Gott sei Dank. Das hat sich dann als der beste Weg herausgestellt. Trotzdem muss man schwarz-weiß denken, schwarz-weiß leuchten. Haneke hat den Film ja von Anfang an schwarz-weiß gesehen, und nicht weil es ein historischer Stoff ist oder weil man 1914 schreibt. Es ist einfach eine höhere Abstraktion, der Zuschauer muss mehr im Kopf fertigstellen, als wenn er schon bunte Bildchen kriegt.

APA: Wie kann man sich den Arbeitsprozess zwischen Ihnen und Michael Haneke vorstellen?

Berger: Ich kenne ihn ja schon seit Anfang der 90er Jahre - das ist der fünfte Film, den ich mit ihm gemacht habe - und ich teile auch seine Auffassung. Aber er hat beim Schreiben schon ganz klare Bilder und Einstellungen im Kopf und will die realisiert sehen. Da gibt's natürlich manchmal Diskussionen, wenn Sachzwänge kleine Änderungen notwendig machen. Aber sonst bleibt er ganz starr bei seinen Vorstellungen, was ich ganz wichtig finde, weil das seine Handschrift ausmacht. Wo er zum Beispiel eine große Meisterschaft erreicht hat, sind die Plansequenzen, wo statt Schnitt Inszenierung ist. Da ergeben sich dann ganz organische Kamerabewegungen und lange Einstellungen, die man aber gar nicht wirklich spürt. Das mag ich sehr.

APA: Wie sind denn die Erwartungen vor den Oscars?

Berger: Konkret gibt es mal das Problem, dass ich mir wieder einen frischen Smoking besorgen muss. (lacht) Nein, wir freuen uns sicher, wenn es passiert und sparen uns Enttäuschungen, wenn wir uns jetzt schon zu sehr draufhauen. Man kann nur warten, was passieren wird. Wir waren nur grundsätzlich überrascht, dass die Amerikaner überhaupt so angesprochen haben, weil wir eigentlich alle Regeln brechen: wir sind überlang, wir erzählen eine Geografie und eine Zeit, die keiner kennt, es gibt keine Stars, alles ist schwarz-weiß, es explodiert nichts, es ist mit Untertiteln, und es gibt keine Musik! Die glauben ja alle, dass der Film noch gar nicht fertig ist... Aber die Vorstellungen in New York, Washington und L.A. waren ausverkauft. Und die Presse war euphorisch.

APA: Und Christoph Waltz?

Berger: Ja, mir tut immer leid, dass er nur als bester Nebendarsteller nominiert ist, weil alle eigentlich nur von ihm reden. Und er hat das auch wirklich toll gemacht. Aber scheinbar gibt es einen Vertrag mit Brad Pitt, dass er die Hauptrolle hat. Aber über den redet eigentlich niemand.

(Das Gespräch führte Daniel Ebner/APA)

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