Argentinischer Film Favorit in San Sebastian

Der argentinische Film "El secreto de sus ojos" (Das Geheimnis ihrer Augen) könnte am Samstag auf dem 57. Internationalen Filmfestival im nordspanischen San Sebastian mit der "Goldenen Muschel" als bester Film ausgezeichnet werden. Das zumindest vermuten Filmkritiker wie Publikum.

Regisseur Juan José Campanella ist es in seinem Justizthriller fabelhaft gelungen, Spannung, Drama, Komik, Satire und eine tiefgreifende Liebesgeschichte zu vereinen. Der Justizbeamte Benjamin Esposito nimmt sich nach seiner Pensionierung erneut eines Mordfalls an, der bereits 25 Jahre zurückliegt, den er aber nicht vergessen kann. Vieles blieb damals im Dunkeln. Zwar konnte er den Mörder nach Jahren fassen. Doch die Militärs der neuen Diktatur-Junta in Argentinien wollten diesen für ihre Schmutzarbeiten und Auftragsmorde von politischen Gegnern benutzen und setzten ihn wieder auf freien Fuß. Esposito waren damals die Hände gebunden, und er verlor den Glauben an die Gerechtigkeit. Mit seiner Vorgesetzten Irene kämpfte er vergeblich gegen die "blinde" Justiz. Doch plötzlich verschwand der Mörder von der Bildfläche.

Im Kampf um die "Goldene Muschel" hat Regisseur Campanella mit Francois Ozons Sozialdrama "Le refuge", dem spanischen Beitrag "Yo, también" von Álvaro Pastor und dem chinesischen Kriegsfilm "City of Life and Death" von Lu Chuan allerdings harte Konkurrenz. Ozon erzählt von einer drogenabhängigen werdenden Mutter, deren Freund und Vater ihres Kindes an einer Überdosis gestorben ist und die nun ein neues Leben beginnen möchte. Pastors Film handelt von Daniel, einem 34-jährigen Sevillaner, der trotz seines Down Syndroms einen Universitätsabschluss macht und von seinen Mitmenschen nicht als "anders", sondern als "speziell" wahrgenommen werden möchte. Sein Kampf um eine "normale" Freundin und einen "normalen" Job ist allerdings nicht einfach. Gespielt wird Daniel von Pablo Pineda, dessen Leben der Geschichte zugrunde liegt, und der als bisher erster und einziger Spanier mit einem Down Syndrom in Málaga seinen Uni-Abschluss machte.

Wegen seiner außergewöhnlichen Leistung handeln viele Kritiker Pablo Pineda sogar als Kandidaten für den Preis als "Bester Schauspieler". In dieser Sparte gilt jedoch Ricardo Darín als Favorit, der auf grandiose Weise den Justizbeamten Esposito in "Das Geheimnis ihrer Augen" darstellt. Als ernstzunehmender Kandidat für den Preis als bester männlicher Darsteller gilt auch der chinesische Schauspieler Liu Ye, der in Lu Chuans Film "City of Life and Death" einen chinesischen Soldaten bei der Verteidigung Nankings vor der japanischen Invasion spielt. Der chinesische Regisseur erzählt auf eindrucksvolle Weise und in mächtigen, brutalen Schwarz-Weiß-Bildern die historische Schlacht aus dem Jahre 1937 nach.

Liu Yes Filmpartnerin Gao Yuanyuan, eine der derzeit bekanntesten chinesischen Schauspielerinnen, könnte für ihre Rolle in dem Kriegsfilm ebenfalls mit einer Auszeichnung als "Beste Darstellerin" rechnen. Sie muss sich allerdings gegen eine sehr starke Konkurrenz durchsetzen. Isabelle Carré hat die Leiste mit ihrer Darbietung in Ozons "Le refuge" sehr hoch gelegt. Auch die beiden Spanierinnen Lola Duenas in "Yo, también" und Carmen Machi in "Die Frau ohne Piano" begeisterten in diesem Jahr mit einer bestechenden schauspielerischen Leistung. Unterdessen glänzte Soledad Villamil an der Seite Ricardo Daríns als dessen Vorgesetzte Irene.

Generell bestach das Filmfestival von San Sebastian auch in diesem Jahr erneut mit der hohen Qualität seiner 15 Wettbewerbsfilme. Dennoch konnten nicht alle Filme Kritiker und Publikum überzeugen. Der mit Spannung erwartete Eröffnungsfilm "Chloe" von Atom Egoyan enttäuschte trotz der guten Leistung von Liam Neeson und Julianne Moore. Auch Christophe Honorés neuester Streifen "Making plans for Lena" sowie der deutsche Beitrag "This is Love" von Regisseur Matthias Glasner trafen nicht auf viel Zustimmung. Glasners Film über Menschenhandel und Kinderprostitution mit Jürgen Vogel, Corinna Harfouch und Jens Albinus in den Hauptrollen wirkt unglaubwürdig und konstruiert. Aaron Schneiders Erstlingswerk "Get Low" mit Robert Duvall und Bill Murray ist zwar nett anzuschauen, aber für eine "Goldene Muschel" reicht das nicht. Aber die Jury-Entscheidungen in San Sebastian überraschen die internationalen Filmkritiker jedes Jahr aufs Neue. Es gibt Favoriten, aber keine Gewissheit.

INFO: http://www.sansebastianfestival.com