Katja Eichinger <br> im MADONNA-Interview

Über ihr Buch »Liebe und andere Neurosen«

Katja Eichinger
im MADONNA-Interview

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Die Deutsche geht „Liebe und andere Neurosen“ in ihrem gleichnamigen Buch auf den Grund.

Die Liebe ist ein seltsames Spiel, das weiß und schätzt vor allem Katja Eichinger. Die Autorin untersucht in ihrem neuesten Werk „Liebe und andere Neurosen“ u. a. die „anhaltende Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen“. Erst kürzlich veröffentlichte sie mit „SOMA“ neue Musik – die Deutsche, die mit Hollywood-Filmproduzent Bernd Eichinger († 61) bis zu seinem Tod 2011 verheiratet war, lebt also voll und ganz ihre Kreativität aus. Im MADONNA-Interview frönt die 51-Jährige der Widersprüchlichkeit der Liebe sowie der Furchtlosigkeit vorm Leben – und sie verrät, warum sie zu Abstand zur „Trauer-Polizei“ rät.

Was bedeutet Glück für Sie?

Katja Eichinger: Glück, das ist, wenn ich in der Lage bin, die kleinen Momenten des Glücks wahrzunehmen. An manchen Tagen ist das nicht möglich, weil man krank ist oder irgendwelche Gefühle einem den Blick auf das Hier und Jetzt versperren. Aber wenn ich mich z.B. über die erste Tasse Kaffee am Morgen freuen oder sehen kann, was für eine besondere Person doch meine Freundin ist, dann ist das für mich Glück. Also, Glück ist für mich, in der Lage zu sein, die guten Dinge in meinem Leben wahrzunehmen und als etwas nicht Selbstverständliches zu betrachten.

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Katja Eichinger <br> im MADONNA-Interview
× Katja Eichinger <br> im MADONNA-Interview

Mit Bernd Eichinger war Katja von 2006 bis zu seinem Tod 2011 verheiratet.

Ihr Buch behandelt „Liebe und andere Neurosen“. Wie viele Neurosen hat die Pandemie in dieser Hinsicht verursacht?

Eichinger: Seit Jahrtausenden versuchen wir, dieses rätselhafte und widersprüchliche Gefühl der Liebe zu benennen und zu entschlüsseln. Dass uns das nicht gelingt, dass es in der Liebe keine Absolutismen gibt, dass wir in der Liebe immer durch eine Grauzone tappen und uns immer wieder mit Situationen konfrontiert sehen, die uns als Mensch herausfordern, das ist das Großartige an der Liebe. Und das macht sie auch zu dieser einzigartigen Kraft, die die Welt nicht unbedingt zusammen, aber sehr wohl in Bewegung hält. In der Pandemie wurden soziale Kontakte staatlich reguliert, wir wurden entweder zum Alleinsein oder zur Nähe gezwungen. Fluchtmechanismen waren plötzlich verboten. Das hat ein Vergrößerungsglas auf menschliche Gefühle und Verhaltensmuster gehalten. Die seltsamen Zusammenhänge zwischen Nähe und Distanz, Angst und Begehren, Gegensatz und Spiegelung wurden uns da viel stärker bewusst. Aber auch wenn es sich im Moment nicht immer ganz angenehm anfühlt, ist für mich dieses Widersprüchliche, das Komplizierte, das Rätselhafte, das ewig Wechselnde, das die Liebe so schön macht. Weil wir uns dadurch selbst und andere erfahren.

Was hat Sie die Pandemie gelehrt?

Eichinger: Ich merkte jetzt bei den Interviews zu meinem Buch, wie viel offener ich in den letzten zwei Jahren geworden bin. Durch den Mangel an sozialen Kontakten freue ich mich mittlerweile riesig darüber, fremde Menschen zu treffen und mich mit ihnen auszutauschen. Weil ich gemerkt habe, dass das nichts Selbstverständliches, sondern ein Geschenk ist.

Was können Sie anderen Menschen mit auf den Weg geben, wie man Schicksalsschläge bewältigen kann?

Eichinger: Trauer ist etwas zutiefst Persönliches. Die berühmten „5 Stufen der Trauer“ sind da wenig hilfreich und setzen meiner Ansicht nach die Leute unter Druck. Das ist so ein schön ordentliches Emotionspaket, was den Trauernden da geschnürt wird. Aber Trauer ist nun mal alles andere als ordentlich. Tod ist der ultimative Kontrollverlust. Danach herrscht Chaos und wir alle müssen wieder unsere eigene Ordnung finden. Das dauert. Gesellschaftlich werden gerade Frauen gerne bestimmte Narrative übergestülpt, wie sie zu trauern haben und wie sie sich verhalten sollen. Meistens bedeutet das ja nichts anderes, als dass wir uns patriarchalen Strukturen unterordnen sollen. Ich kann nur raten, die Trauer-Polizei weitgehend zu ignorieren. Es gibt in der Trauer kein Richtig und kein Falsch, sondern nur, was sich einigermaßen richtig anfühlt. Und damit beginnt der Weg in ein neues Ich, möglicherweise mit einer größeren Empathie-Fähigkeit für den Schmerz der anderen. Und ja, was einen nicht kaputtmacht, macht einen stärker. Die Umwelt kann das nicht immer nachvollziehen, wenn man sich verändert hat. Es ist ganz interessant zu beobachten, welche Leute einen gerne auf ein Objekt des Mitleids oder auf das Label „Witwe“ reduzieren wollen. Das sind meistens Menschen, die in alten Denkweisen verhaftet sind.

„Es ist egal, was war und was kommen mag“, schreiben Sie im Buch. Wie blicken Sie selbst in die Zukunft?

Eichinger: Wie wir alle mache ich mir natürlich große Sorgen. Aber anstatt da in eine Starre zu verfallen, vertraue ich darauf, dass jede Krise eine Chance birgt. Es gibt da so ein Gedicht von Heinrich Heine, darin heißt es „Schlage die Trommel und fürchte dich nicht“. Daran halte ich mich: Keine Angst vor niemandem und in jedem Moment dein Bestes geben. Sei das nun beim Schreiben, bei der Musik oder eben in der Liebe.

© Blumenbar
Katja Eichinger <br> im MADONNA-Interview

„Liebe und andere Neurosen“ warten auf 336 Seiten. 22,95 Euro, erschienen bei Blumenbar.

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