Besondere Tropfen kommen unter den Hammer

"La Tour d'Argent" mistet seinen Weinkeller aus

Zum ersten Mal seit seiner Gründung vor über 400 Jahren lässt das Pariser Edelrestaurant "La Tour d'Argent" (deutsch: Silberner Turm) einen Teil seiner berühmten Sammlung öffentlich verkaufen. Seit diesem Montag werden die Weine und Spirituosen versteigert. Mit dem Erlös will das Restaurant seine Einkaufskasse auffüllen und Platz für jüngere Weine schaffen.

Hinter den Glasscheiben sehen die Flaschen wie kostbare Schätze aus. Mit blasser Schrift auf vergilbtem Etikett erinnern einige Weine und Spirituosen an Zeiten, die schon Jahrhunderte zurück liegen. Aymeric de Clouet bleibt vor einem Schrank stehen und zeigt auf den "Clos du Griffier 1788": "Diese Flasche Cognac ist die älteste Frankreichs und die wahrscheinlich älteste der Welt", sagt der Weinexperte des Pariser Auktionshauses "Piasa".

Im Ausstellungskeller der Firma sind zurzeit rund 18.000 Flaschen gelagert. "Der Weinkeller des "Tour d'Argent" zeichnet sich durch seine historisch kontinuierliche Sammlung und durch die Vielfalt und Qualität seiner Produkte aus", sagt de Clouet. In der Auswahl finden sich Weine aus allen französischen Anbaugebieten, darunter edle Tropfen wie der Bordeaux-Wein "Château Latour" oder der Burgunder "Vosne Romanée Jayer". Die Bestände des Gasthauses, das zu den ältesten in Paris gehört, wurden alle direkt von Weingütern und Winzern gekauft. Die Sammlung umfasst mittlerweile 15.000 unterschiedliche Weine und rund 450.000 Flaschen - nur wenige davon kommen aus dem Ausland.

Die Versteigerungspreise werden pro Flasche je nach Alter und Art der Produkte zwischen zehn Euro für einen Weißwein aus der Region "Jura" bis zu 3000 Euro für den antiken Cognac geschätzt. Insgesamt soll die zweitägige Auktion eine Million Euro einbringen. Der Verkauf des Cognacs kommt Wohlfahrtsorganisationen zu Gute.

"Einen Wein mehr als 20 Jahre lang zu lagern, ist übertrieben", sagt de Clouet. "Seit einigen Jahren hat der "Tour d'Argent" jährlich fast 10.000 Flaschen weniger verkauft, aber gleichzeitig seine Sammlung stetig erweitert". Daher soll nun der überschüssige Wein rechtzeitig unter den Hammer kommen. Der jetzige Verkauf entspreche nur der ungefähren Anzahl leergetrunkener Flaschen in einem Jahr, berichtet der Experte.

Seit der Gründung 1582 hat das Restaurant mit wunderbarem Blick auf die Kathedrale "Notre Dame" bereits zahlreiche prominente Gäste wie den russischen Zaren Nikolaus II., Otto von Bismarck oder auch den ehemaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt empfangen. Sogar die Könige Ludwig XIV. und Heinrich III. sollen dort gespeist haben. Im Zweiten Weltkrieg mauerten die damaligen Eigentümer André und Claude Terrail aus Angst vor einer Beschlagnahme durch die Deutschen den Eingang zum Weinkeller zu. Der Bestand wurde damit gerettet.

Im gut beleuchteten Lagerraum von "Piasa" fällt de Clouets Blick auf den ältesten Wein in der Versteigerung, einen "Château Gruand Larose" aus dem Jahr 1870. "In dem Jahr haben die Franzosen den Krieg gegen die Deutschen verloren", erzählt der rundliche Mann. "Aber heute zählt das nicht mehr". Halb ernsthaft, halb scherzend erklärt der Mann im schwarzen Anzug: "Was übriggeblieben ist aus dieser Zeit, das sind die Weine."