Kein sicherer Schutz vor Infektion

Vorbeugende Aids-Pillen möglich aber wenig ratsam

In Deutschland gibt es eine Diskussion darüber, ob man mit einer Dreier-Kombination an Aids-Medikamenten eine medikamentöse Vorbeugung gegen eine HIV-Ansteckung betreiben könnte. Experten äußern sich darüber in der angesehenen "Deutsche Medizinische Wochenschrift" (DMW). Eine Einnahme von Medikamenten zum Schutz vor Infektionen sei an sich nicht ungewöhnlich, berichten Dozent Stefan Reuter vom Universitätsklinikum Düsseldorf und sein Team.

Bei Malaria sei die Präexpositionsprophylaxe seit langem üblich. Auch zur HIV-Vorbeugung wird diese Option diskutiert, seitdem es gut verträgliche Wirkstoffe gibt, die nur einmal täglich eingenommen werden müssen. Einige Wirkstoffe wie Tenofovir und Emtricitabin erreichen laut den Experten hohe Konzentrationen im Genitalbereich, so dass theoretisch bereits am Ort der Übertragung eine Schutzwirkung erzielt werde. Die Autoren nennen sechs große klinische Studien mit insgesamt 19.000 Teilnehmern, in denen die Präexpositionsprophylaxe untersucht wird. Erste Ergebnisse sollen im nächsten Jahr vorliegen.

In einer im Vorfeld in den USA durchgeführten Umfrage haben Reuter zufolge viele Frauen ihre Bereitschaft erklärt, sich durch die regelmäßige Einnahme von Tabletten vor HIV zu schützen. Jede vierte Frau gab an, dass sie dann seltener auf der Verwendung von Kondomen bestehen würde, sechs Prozent meinten, dass sie aufgrund der Tabletten wohl häufiger ihren Sexpartner wechseln würden.

Der Experte warnt vor Missverständnissen. Es sei bereits jetzt ersichtlich, dass die Tabletten keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion bieten. Sie könnten deshalb bisherige präventive Strategien wie den "Safer Sex" mit Kondomen nicht ersetzen. Eine sinnvolle Anwendung sieht der Infektiologe bei Personen, die sich vor ungeschützten sexuellen Übergriffen nicht schützen können oder bei Paaren mit Kinderwunsch, bei denen ein Partner HIV-infiziert ist. Aber auch für Personen mit einem hohen Infektionsrisiko oder für Prostituierte käme die vorbeugende Pille infrage.

Der Experte befürchtet aber, dass sich viele Prostituierte das verschreibungspflichtige Medikament auf dem Schwarzmarkt besorgen könnten. Durch die unzuverlässige Einnahme würden die HIV-Infizierten dann nicht nur ihre eigene Gesundheit gefährden. Sie würden auch die Entwicklung und Übertragung von resistenten HI-Viren fördern, bei denen Medikamente wirkungslos wären: "Ein HIV-Test vor einer Präexpositionsprophylaxe ist daher zwingend erforderlich und muss regelmäßig wiederholt werden."