Muss Altlasten loswerden

Sanochemia mit Verlust und Zweitnotiz in Wien

Das börsenotierte Pharmaunternehmen Sanochemia Pharmazeutika AG hat das Geschäftsjahr 2008/09 (30. September) mit einem stark ausgeweiteten Verlust abgeschlossen. Das Ergebnis nach Steuern betrug minus 10,8 Mio. Euro (Vorjahr minus 3,7 Mio. Euro), das Ergebnis je Aktie lag bei minus 1,05 Euro (VJ: minus 0,34 Euro), teilte das Unternehmen mit. Bereits im Dezember hatte Sanochemia eine Gewinnwarnung veröffentlicht. Bekanntgegeben wurde auch, dass das bisher nur an der Frankfurter Börse gelistete Wiener Pharmaunternehmen auch an der Wiener Börse gelistet sein möchte.

Ein entsprechender Antrag für die Einbeziehung in den Handel im Dritten Markt im Segment mid market werde umgehend erfolgen, teilt das Unternehmen mit. Gleichzeitig soll eine Umlistung in Frankfurt ins General Standard-Segment erfolgen. Begründet wird dies mit den deutlich höheren Kosten in Frankfurt. Die Handelsaufnahme in Wien soll noch im Februar erfolgen.

Auch österreichische Investoren hätten schon seit langem ein Listing der Gesellschaft an der Wiener Börse gefordert, so Sanochemia. Die deutlich höheren Kosten, die das Listing im Segment Prime Standard in Frankfurt verursachten, würden keinen ersichtlichen Vorteil für Sanochemia gegenüber dem Segment General Standard bringen, bei dem es sich ebenfalls um einen regulierten Markt handle.

"Restrukturierung" um 7,9 Mio. Euro

Nach der erneute Gewinnwarnung habe der neue Vorstand der Sanochemia beschlossen, mit der Bilanz eine "umfassende Bereinigung aller Altlasten vorzunehmen, um unbelastet neu durchstarten zu können", heißt es in der Mitteilung. Die für die Restrukturierung aufgewendeten Kosten in der Höhe von 7,9 Mio. Euro seien "Einmaleffekte" und belasteten das diesjährige Bilanzergebnis "in einem enormen Ausmaß", sie sicherten jedoch dem Unternehmen "eine erfolgreiche Zukunft".

Die im Geschäftsjahr erzielten Umsatzerlöse lagen mit 29,6 Mio. Euro auf Vorjahresniveau. Der erhöhte Preis- und Margendruck sowie zu hohe Kosten und Aufwendungen im Unternehmen - teilweise bedingt durch "geänderte Rahmenbedingungen und interne Fehleinschätzungen", so das Unternehmen - hätten das operative Geschäft geprägt und ein gegenüber dem Vorjahr gesunkenes EBIT auf operativer Basis - vor Sondereffekten - von minus 2,2 Mio. Euro (Vorjahr minus 1,2) verursacht.

Die von 88,9 Mio. Euro auf 81,6 Mio. Euro gesunkene Summe von Eigenkapital und Schulden habe eine Eigenkapitalquote von 54 Prozent (Vorjahr: 61 Prozent) ergeben. Der Cash-flow aus der Geschäftstätigkeit verbesserte sich leicht auf minus 3,6 Mio. Euro (Vorjahr minus 5,0). Trotz des schlechten Ergebnisses gibt sich das Management von Sanochemia optimistisch: Nach Anpassung der inneren Strukturen an die Erfordernisse des Marktes gehe es nun verstärkt daran, die quantitativen und qualitativen Ziele zu realisieren und spätestens ab dem nächstem Jahr wieder Wachstums- und Ertragsverbesserungen zu erreichen, heißt es in der Mitteilung.

Kostensenkung soll 2009/10 "schwarze Null" bringen

Sanochemia will nach dem dramatischen Ergebniseinbruch im vergangenen Geschäftsjahr - Firmenchef Werner Frantsits: "eine fürchterliche Geschichte" - die Kosten um 4 Mio. Euro pro Jahr senken. Dazu gehört auch ein Personalabbau um 10 bis 12 Prozent. Für das laufende Geschäftsjahr werde unterm Strich eine schwarze Null angepeilt, erklärte Vorstandschef Werner Frantsits bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Aus dem Finanzbereich erwarten wir keine Katastrophe mehr, das könnte höchstens außerordentliche Erträge bringen", so Frantsits.

Für die Ausweitung des Verlustes sei zu einem wesentlich Teil der frühere US-Partner Avigen verantwortlich, der vertragsbrüchig geworden sei. Gemeinsam mit Avigen wollte man das neue Medikament Tolperison zur Behandlung von multipler Sklerose (MS) entwickeln, allerdings sei das US-Pharmaunternehmen einen Großteil der von ihm zugesagten Zahlungen schuldig geblieben und man habe daher die Zusammenarbeit beendet. "Wir waren der Steigbügelhalter, dass Avigen sich 80 Mio. Dollar von der Börse holen konnte. 30 Millionen davon sind beim Hauptaktionär verschwunden", sagte Frantsits. Das habe man kurzfristig nicht kompensieren können, dort lägen die Probleme der nun vorgelegten Bilanz.

Kein gutes Haar ließ Werner Frantsits aber auch am früheren Vorstand, der völlig umgekrempelt wurde. "Es kann nicht sein, dass der Vorstand zwei Jahre lang Budgets macht und sie dann um 20 bis 30 Prozent verfehlt. Im August 2009 ließ sich Werner Frantsits als Aufsichtsratspräsident karenzieren, um seinen Bruder Herbert Frantsits als Vorstandsvorsitzender und Finanzchef abzulösen, "aus dringenden gesundheitlichen Gründen", wie es hieß. Dabei sei "nicht klar, ob er krank ist, weil es das Problem gibt, oder ob es das Problem gibt, weil er krank ist". Offiziell schied Herbert Frantsits per 31. Oktober 2009 aus dem Sanochemia-Vorstand aus. Maximilian Hudl, der für Marketing & Vertrieb sowie F&E (Forschung und Entwicklung) zuständig war, hatte seine Vorstandstätigkeit bereits per Ende Mai 2009 "einvernehmlich" beendet. Lediglich Technik-Vorstand Anton Dallos durfte seinen Job behalten.

Er werde versuchen, vom Firmenbuch die Verlängerung seiner Karenzierung im Aufsichtsrat genehmigt zu bekommen, andernfalls ganz vom Aufsichtsrat in den Vorstand wechseln, erklärte Werner Frantsits. "Als Aufsichtsrat sehen Sie nur gefilterte Luft. Erst, wenn Sie selbst in der Exekutive sind, sehen Sie, wie es dort aussieht."

Das Programm zur Kostensenkung sei gut angelaufen, bereits im 1. Quartal des Geschäftsjahres (ab Oktober) habe man 800.000 Euro im Sach- und Personalkosten-Bereich eingespart. Mit der geplanten Personalreduktion um 10 bis 12 Prozent will Frantsits noch in diesem Jahr fertig werden. Per 30. September 2009 habe man 190 Mitarbeiter beschäftigt, jetzt seien es 172.

Der Umsatz sei im 1. Quartal 2009/2010 nach vorläufigen Zahlen um rund 10 Prozent auf 6,6 Mio. Euro gestiegen, das EBITDA (Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) habe im Vergleich zum Vorjahresquartal von -1,8 Mio. Euro auf 0,4 Mio. Euro ins Plus gedreht, der EBIT-Verlust sei von 3 Mio. Euro auf 1 Mio. Euro reduziert worden.

Konzentration auf Projekte "mit hohem Realisierungsgrad"

Künftig will sich Sanochemie auf nur zwei innovative Projekte "mit hohem Realisierungsgrad" konzentrieren: "PVP-Hyperizin" zur Diagnose und Behandlung von Blasenkrebs sowie "Secrelux" für die Diagnose und Untersuchungen von Pankreas-Erkrankungen. Insbesondere Hyperizin könnte bei jährlich vier Millionen Blasenkrebs-Patienten in den Industrieländern "international gesehen ein Blockbuster werden", glaubt Frantsits. "Das geht in hunderte Millionen Dollar." Für mehr Forschungsprojekte habe man einfach nicht genügend Personal, erklärte der Sanochemia-Chef. So habe man im Jahr 2007 fünf bis sechs F&E-Projekte gehabt und sei dabei auf 30 Mitarbeiter pro Projekt gekommen. Bei Novartis kämen 1.000 Mitarbeiter auf ein Projekt.

Die an der Frankfurter Börse gelistete Sanochemia-Aktie hat heute bis 14 Uhr um 1,69 Prozent auf 2,90 Euro nachgegeben. Aus Kostengründen hat das Unternehmen dort eine Umlistung ins General-Standard-Segment angekündigt. Frantsits: "Wenn Porsche sich das leisten kann, dort gelistet zu sein, dann genügt das für uns auch." Darüber hinaus soll die Sanochemia ab Mitte Februar auch an der Wiener Börse im Segment mid market geführt werden.