Rezeptgebührbefreiung belastet Krankenkassen

Rezeptgebühr-Obergrenze kostet bis zu 90 Mio. Euro

Eine relativ neue Sozialmaßnahme fällt den um ihre Finanzierung kämpfenden Krankenkassen nach Ansicht der Apothekerkammer zunehmend auf den Kopf: die 2008 wirksam gewordene Rezeptgebührbefreiung (Selbstbehalt) für Versicherte ab einem Summenwert von zwei Prozent des Bruttoeinkommens. 2008 beliefen sich die Kosten dafür auf rund 70 Mio. Euro.

"Für das Jahr 2009 dürften die Kosten konservativ geschätzt 85 Mio. Euro betragen haben, wenn es nicht eher 90 Mio. Euro sind", sagte Apothekerkammer-Vizepräsident Leopold Schmudermaier bei der Wissenschaftlichen Fortbildungsveranstaltung der Standesvertretung in Saalfelden (bis 5. März).

Schmudermaier gab einen Überblick über die wirtschaftliche Entwicklung der 1.252 öffentlichen Apotheken in Österreich im vergangenen Jahr. Frappant entwickelte sich der Entgang an Geld für die sozialen Krankenkassen durch die Rezeptgebührbefreiung. Vor allem gegen Ende 2009 versuchten offenbar erneut viele Versicherte, durch Vorzieh-Verschreibungen bei den Kassenärzten über die Obergrenze zu gelangen.

Die Daten der Österreichischen Apothekerkammer (über sie läuft die Verrechnung der Kassenrezepte mit den Krankenversicherungen und die Abfuhr der Rezeptgebühr, Anm.): Im Jahr 2007 lag der Anteil der abgegebenen Arzneimittelpackungen ohne Rezeptgebühr noch bei 23,3 Prozent. Die Zwei-Prozent-Grenze, die im Jahr 2008 dann die Befreiungen in die Höhe schnellen ließ, führte für das Jahr 2009 zu einer Befreiung bei 29,61 Prozent der auf Kassenrezept abgegebenen Arzneimittelpackungen.

Neuer Höchststand für 2009

Im Durchschnitt wurden über das Jahr 34,75 Prozent der auf Kassenrezept verschriebenen Medikamente ohne diesen Selbstbehalt abgegeben. Dies ergab eine Berechnung der APA auf der Basis der Apotheker-Zahlen. Schmudermaier: "Diese Rezeptgebührbefreiung hat einen sozialen Hintergrund. Die Gebührenbefreiung wird aber vom Gesundheitswesen bezahlt. Das sollte aber aus dem Sozialbereich (Sozialministerium, Anm.) kommen."

Frappant ist die Entwicklung der Rezeptgebührbefreiungen (in der seit 2008 wirksamen zusätzlichen Form) über das Jahr hinweg. Sie setzt ja erst mit dem Erreichen einer Grenze von zwei Prozent des Bruttoeinkommens ein. Das führt laut den Daten der Apotheker offenbar zu einer Menge an "Vorziehverschreibungen" gegen Ende des Jahres. Die Versicherten pilgerten zu ihren Ärzten, um mit vermehrten Verschreibungen noch in die Befreiung hinein zu rutschen.

So lag der Anteil der abgegebenen Packungen unter Gebührenbefreiung im Jänner 2009 noch bei 27,2 Prozent. Im Juli waren es 34,73 Prozent, im Oktober 43,77 Prozent, im Monat darauf 45,69 Prozent - und im Dezember gar 49,90 Prozent. Im Jänner 2010 fielen dann wieder nur noch 27,17 Prozent unter diese Regelung.

Kassenumsätze rückläufig

Was die Arzneimittelausgaben der Krankenkassen betrifft, so dürften die Versicherungen für 2009 - wahrscheinlich auch für das Jahr 2010 - aufatmen können. Wertmäßig stieg der Kassenumsatz der Apotheken (etwa 85 Prozent des Kassen-Arzneimittelmarktes in Österreich) im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent (auf 2,178 Mrd. Euro). Im Jahr 2008 hatte es noch eine Steigerung um 7,9 Prozent gegeben.

Die neuesten Zahlen laut Apothekerkammer-Vizepräsident Leopold Schmudermaier: "Im Jänner 2010 gab es bei den Packungen ein minus von 9,53 Prozent. Der Kassenumsatz (Wert, Anm.) ging um 6,38 Prozent zurück." Für den Februar deutet ein Ergebnis um die Null-Linie an. Die "Vorzieh-Verschreibungen" Ende vergangenen Jahres und auch die in diesem Jahr ausgebliebene Influenza-Welle wegen der vorher schon abgelaufenen Pandemie-Erkrankungen durch H1N1 dürfte allerdings daran beteiligt sein.

Entwicklung verlangsamt sich

Weiterhin tragen neue, innovative und - auch wegen des Patentschutzes - teurere Arzneimittel zu den Kostensteigerungen bei: Im Jahr 2004 betrug beispielsweise der Anteil der auf Kassenrezept abgegebenen Arzneimittel mit einem Apotheken-Einstandspreis von mehr als 200 Euro 14,68 Prozent. Im Jahr 2007 waren es 20,35 Prozent, im Jahr 2009 schließlich 22,63 Prozent. Allerdings dürfte sich die Entwicklung verlangsamen.

Weiterhin rückläufig sind die Spannen der Apotheker bei den kassenfreien Medikamenten: Sie betrug im Jahr 1996 im Durchschnitt noch 26,08 Prozent. Im Jahr 2009 waren es 18,56 Prozent. Die mediane Apotheke hatte in Österreich im Jahr 2009 einen Umsatz von 2,348 Mio. Euro. Der Kassenumsatz betrug davon 1,652 Mio. Euro oder 70,4 Prozent. Das Betriebsergebnis betrug 1,4 Prozent vom Gesamtumsatz.

Schmudermaier: "Der Anteil der Kassenausgaben für die Leistungen der österreichischen Apotheken beträgt nur drei Prozent." Bei allen Rezeptgebührbefreiungen: Die Krankenkassen erhielten aus diesem Titel im Jahr 384 Mio. Euro, welche die Versicherten zahlten. Die Höhe dieses Selbstbehaltes betrug daher 12,7 Prozent.