Nachwuchs für Gefahren sensibilisieren

Rund 22.000 Jugendliche im Alter von 15 bis 24 Jahren sterben laut dem Kuratorium für Verkehrssicherheit (KfV) in Europa jährlich durch Unfälle. Eine Ursache sei die erhöhte Bereitschaft, auch größere Risiken einzugehen. Verbote allein seien sinnlos: Der Nachwuchs müsse darauf sensibilisiert werden, wie weit er sich auf mögliche Gefahren einlassen kann, sagte Psychologin Maria-Luise Fertner vom KfV im APA-Gespräch. Wie Risikokompetenz erfolgreich vermittelt werden kann, erörtern Experten derzeit beim zweitägigen Symposium "Jugend und Risiko" in Wien.

Risiken auszutesten gehört im Jugendalter bis zu einem gewissen Grad dazu. Wenn der Nachwuchs gewisse Regeln nicht einhält und sich von Risikofaktoren verleiten lässt, kann es aber gefährlich werden - wie etwa im Straßenverkehr. In Projekten versucht man, Risikokompetenz zu vermitteln, so z. B. "Sicher auf zwei Rädern": Der vom KfV gemeinsam mit anderen Einrichtungen seit 2008 in der Steiermark veranstaltete Erlebnisworkshop für 15- und 16-jährige Mopedfahrer hat laut Fertner bereits positive Auswirkungen gezeigt.

Einerseits lernen die Lenker, wie man durch angepasstes Fahrverhalten kritische Situationen vermeidet, andererseits werden gefährliche Momente und erlebte Unfälle reflektiert. "Dabei hat sich gezeigt, dass die Jugendlichen oft die Gefahr sehen", erklärte Fertner. Durch u. a. Gruppendruck, Selbstüberschätzung oder die Unkenntnis möglicher Folgen sei es aber reizbarer, die Grenzen nicht einzuhalten.

Mehrere Tests - ein bis zwei Wochen sowie einen Tag vor dem Workshop sowie sechs Wochen danach - ergaben Unterschiede z. B. in der Selbstkritik der Jugendlichen: "In der ersten Testung sagten 85 Prozent, Mopedfahren sei easy, man brauche dabei nicht nachzudenken. Danach sagten das nur noch 45 Prozent", berichtete die Expertin. Dass man schlechter fährt, wenn man sich geärgert hat, war vor dem Workshop 22 Prozent der Mopedfahrern bewusst, danach 43 Prozent. "Wir schließen daraus, dass die Sensibilität durch Selbst-Ausprobieren und Reflexion steigt", meinte Fertner. Wie lange der Effekt anhält, könne man aber nicht sagen.

Im Rahmen des Symposiums werden neben dem Verkehr auch andere Bereiche wie z. B. riskante Sportarten oder Drogenkonsum behandelt. Die Veranstaltung soll als Plattform zum Erfahrungsaustausch der verschiedenen Disziplinen dienen.

"Wenn schon, dann Abenteuer mit Rückfahrkarte"

Allzu risikobereit sieht Bernhard Heinzlmaier vom Wiener Institut für Jugendkulturforschung die jungen Leute von heute nicht: Sie seien vielmehr an Sicherheit orientiert, erklärte der Experte im APA-Gespräch anlässlich des Symposiums "Jugend und Risiko" in Wien. "Und wenn schon Risiko, dann wollen sie eher Abenteuer mit Rückfahrkarte."

Umweltproblematik, ökologische Herausforderungen, Finanz- und Wirtschaftskrise - die Gesellschaft produziert auch selbst Risiken. Gibt es von denen bereits viele, haben junge Leute "nicht noch Lust darauf, weitere auf sich zu nehmen", sagte Heinzlmaier.

Früher hätte ein Jugendlicher z. B. mit langen Haaren gegen bestehende gesellschaftliche Grenzen und Normen rebelliert - heutzutage gehe es vielmehr um Affirmation. "Das Problem heute ist eher, dass der Mensch auf einem offenen Feld steht und ohne Vorlagen oder Vorgaben aus sich etwas machen muss", meinte der Experte. Man leide mittlerweile nicht mehr primär an einengenden Normen, sondern sehe sich ständig vielen Möglichkeiten gegenüber, zwischen denen es sich zu entscheiden gilt.

Risikobereitschaft sieht Heinzlmaier vielmehr im Zusammenhang mit dem Fluchtverhalten von überforderten Menschen, die aus der Realität auszubrechen versuchen: Dann etwa, wenn sie durch Beschäftigung mit Vampirkult, Mittelalter- oder Fantasy-Computerspielen oder auch Drogenkonsum probieren, zumindest vorübergehend der wirklichen, "entzauberten, kühlen Welt" zu entfliehen.

Dies sah der Experte als "allgemeinen gesellschaftlichen Trend", der zwar durch die "sensible" Phase des Jugendalters vor allem, aber eben nicht nur junge Menschen betrifft: "Man spricht ja schon von der Infantilisierung der Gesellschaft - Computerspiele spielen ja auch Erwachsene."

Die Tendenz zum Zurückziehen kennt Heinzlmaier auch aus seiner beruflichen Erfahrung: "Da sieht man Jugendliche, die einerseits sehr pragmatisch sind, ihren Vorteil suchen und am Arbeitsmarkt kühl reagieren - andererseits aber überfordert sind, am Abend heimkommen und stundenlang Computer spielen oder durch Drogen versuchen, ihre Bedrückung zu vergessen."

Service: http://www.jugendkultur.at, Das Symposium "Jugend und Risiko" findet noch bis Donnerstag im Vienna Twin Conference Center in Wien statt