12. November 2009 13:39
Krise: Experten fordern Änderung bei Gesundheit
Eine Umstrukturierung im Gesundheitssystem haben Experten bei einem Podiumsgespräch zum Thema "Macht die Krise krank?" im Parlament gefordert. Während Maria Hofmarcher-Holzhacker einen effizienteren Einsatz der Gesundheitsausgaben empfahl, kritisierte Günther Leiner, Präsident des European Health Forum Gastein, die Machtinteressen der Politik. Das System müsse in Richtung der Patienten umgedacht werden, erklärte der Experte.
Krise: Experten fordern Änderung bei Gesundheit
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"Krisen decken Krankheiten im Gesundheitssystem auf", meinte Leiner. Österreichs Gesundheitssystem sei ein sehr "Krankenhaus-lastiges", die Ausgaben etwa für stationäre Behandlung oder Akutbetten lägen über dem europäischen Schnitt. "Dieses Problem kenne ich seit 1990 und es hat sich nichts geändert", kritisierte der ehemalige ÖVP-Gesundheitssprecher.

Schuld daran seien vor allem Machtinteressen von verschiedenen Seiten. So gebe es etwa kleine Krankenhausabteilungen im ländlichen Raum, bei denen Einsparungspotenziale vorhanden seien und gleichzeitig die medizinische Versorgung nicht optimal sei, was sich beispielsweise in einer höheren Sterberate zeige. "In die Politikerköpfe geht es nicht rein, dass ein kleines Krankenhaus Probleme bringt." Deren Aufrechterhaltung aus Machtgründen sei "unethisch", so Leiner.

Im Mittelpunkt sollte vielmehr der Patient stehen, forderte Leiner. Man müsse fragen, was dieser brauche und was nicht. Zurzeit aber "finanzieren wir das System und nicht die Patienten". Er sei zwar "überzeugt", dass Österreich eines der besten Gesundheitssysteme habe, "aber Stehenbleiben ist auch ein Rückschritt".

Gesundheitsminister Alois Stöger (S) räumte ein, dass es ein Problem mit "Einzelinteressen" gebe. "Würden wir radikal die Patienteninteressen in den Mittelpunkt stellen, wären teilweise andere Managemententscheidungen notwendig." Wenn Leistungen nicht mehr qualitätsvoll erbracht würden, müssten sie auch geändert werden, so Stöger. "Solche Entwicklungen kann man nicht zulassen." An der Vernetzung von Versorgungsgebieten führe deshalb kein Weg vorbei, man sei dabei aber insgesamt schon sehr weit.

Druck zur Kostendämpfung steigt

Eine Steigerung der Effektivität der Gesundheitsausgaben forderte Maria Hofmarcher-Holzhacker vom Forschungsinstitut "Gesundheit Österreich GmbH". In der Krise steige der Druck zur Kostendämpfung, man müsse aber auch die Verantwortung der Akteure in der Finanzierung und Leistungserbringung einfordern. "Man muss die richtige Balance haben zwischen Beschäftigung und Infrastruktur", in Österreich dominiere zurzeit letzteres. Pro Kopf gebe es relativ wenig Beschäftigte im Gesundheitsbereich, während es auf der anderen Seite Überkapazitäten und sehr teure Infrastruktur gebe.

Zwar sei in Österreich in letzter Zeit "sehr viel passiert", jedoch "zu wenig", erklärte Hofmarcher-Holzhacker. Notwendig um die Effektivität der Ausgaben zu stärken seien "sozial verträgliche Selbstbeteiligungen", mehr Personal für Koordination, Anreize für die Leistungserbringer und Investitionen in E-Health.

Auf die Beiträge des renommierten deutschen Wirtschaftsforschers Bert Rürup und der EU-Kommissarin für Gesundheit, Androulla Vassiliou, mussten die Teilnehmer der Veranstaltung verzichten - sie waren trotz Ankündigung verhindert.