Verständnis von Wissenschaftlichkeit wesentlich

Ärzte fordern unabhängige Medikamenten-Studien

Mehr unabhängige Studien über die Wirksamkeit von Medikamenten und Behandlungen forderten Ärzte am Freitag in Salzburg beim "Forum Medizin 21" der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität (PMU), das sich mit Fragen der evidenzbasierten Medizin befasst.

Diese steht für eine Behandlung, die sich nicht nur auf die eigene Erfahrung, das Wissen und die Intuition des Arztes stützt, sondern die auch standardisiert gesicherte neueste wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt. Es gehe bei evidenzbasierter Medizin nicht darum, die ärztliche Expertise zurückzudrängen oder die Kosten zu senken, stellte PMU-Rektor Herbert Resch bei einem Pressegespräch klar. Im Zentrum stehe vielmehr die Frage, was der jeweilige wissenschaftliche Stand sei und wie dieser dem einzelnen Patienten nützen könne. "Das braucht Zeit", stellte Resch klar.

Wesentlich sei ein zeitgemäßes Verständnis von Wissenschaftlichkeit, meinte David Klemperer, Vorstandsmitglied des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin: "Medizinisches Handeln gründet sich oft sehr auf Intuition. Wir wollen die wissenschaftliche Grundlage der Entscheidungsfindung verbessern und den Entscheidungsprozess für den Patienten transparent machen." Der Patient brauche Informationen über den potenziellen Nutzen und den potenziellen Schaden einer Behandlung, sagte Klemperer.

Die bestmögliche Evidenz zu bekommen, sei aber sehr schwierig. Für viele Medikamente gebe es lediglich von den Herstellern finanzierte Studien, unabhängige Untersuchungen seien selten geworden, meinte der deutsche Experte und nannte ein Beispiel: "Wenn man wissen will, wie Tamiflu wirkt, braucht es eine Untersuchung, die unabhängig die Wirkung erhebt. Sonst muss man sich auf die Daten des Herstellers verlassen." Die Finanzierung solcher Studien koste viel Geld. Evidenzbasierte Medizin könne aber auch zur Kostensenkung beitragen. "Wenn man alles, was dem Patienten mehr Schaden als Nutzen bringt oder nicht hilft, tilgt, kann man die Kosten reduzieren", ist Klemperer sicher.

Mehr öffentliche Gelder gefordert

Was für den Patienten am besten sei, könne nur von unabhängigen Studien erbracht werden, ist auch Andreas Sönnichsen, Vorstand des Instituts für Allgemein-, Familien- und Präventivmedizin der PMU, überzeugt. Deshalb forderte er, dass Studien vermehrt von der öffentlichen Hand finanziert werden. Er halte sehr viel von unabhängiger Grundlagenforschung, sagte dazu Gesundheitsminister Alois Stöger (S). Ihm sei evidenzbasierte Medizin wichtig, weil die Entscheidung über die Ressourcenverteilung im Gesundheitssystem erleichtere.

Wichtig sei auch, dass die Ärzte wissen, wie sie mit Studien kritisch umgehen. "Es braucht verlässliche Studien, aber auch das entsprechende Know-how bei den Medizinern", sagte Sönnichsen. Dazu gehöre das Wissen um die Interpretation von Studien. Das hätten viele heute tätige Ärzte in ihrer Ausbildung nicht gelernt.