"Wie viel Medizin überlebt man?“

Buchbesprechung

"Wie viel Medizin überlebt man?“

Günter Loewit: So krank ist unser Gesundheitssystem wirklich.

31,4 Milliarden Euro – nie zuvor wurde in Österreich so viel Geld für Gesundheit ausgegeben wie derzeit. Trotzdem steigt die Zahl der Kranken immer weiter. Mediziner Günther Loewit hat nun ein Buch über unser Gesundheitssystem geschrieben („Wie viel Medizin überlebt der Mensch?“, Haymon Verlag, 280 Seiten, 12,95 Euro). Sein Fazit: Viel zu viel Geld fließt in unnötige Vorsorgeuntersuchungen, lieber werden Patienten operiert als gut therapiert und etliche Leben „sinnlos verlängert“.

Seit 30 Jahren arbeitet Loewit als Allgemeinmediziner, seit 25 Jahren als Stadtarzt in Marchegg (Niederösterreich) und ist sicher: „Wir Ärzte haben es geschafft unsere Patienten immer stärker zu verunsichern. Kaum ein Patient vertraut noch sich selbst.“ So werde aus einer kleinen Pigmentstörung schnell Hautkrebs, Blutuntersuchungen deckten Vitaminmängel auf, die gar nicht schlimm seien. Zugleich würden die Ärzte von der Pharmaindustrie einer Gehirnwäsche unterzogen, nur um mehr Medikamente zu verkaufen und ihren Umsatz zu steigern.

Sein Ausweg: „Alle Verantwortlichen müssen Tempo und Geld aus dem System nehmen. Und wir müssen wieder verstehen, dass die Medizin etwas Anständiges ist und keine Geldmaschine.“

Interview mit Günther Loewit

ÖSTERREICH: Jährlich werden 31,4 Milliarden Euro in Österreich für die Gesundheit ausgeben und seit Jahren steigt die Zahl. Ist das Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Loewit: Trotz der hohen Kosten merken wir, dass die Zahl der Kranken in Österreich von Jahr zu Jahr zunimmt. Offiziell leiden 600.000 Menschen bei uns an Diabetes, 1,5 Millionen an Bluthochdruck, zwei Millionen an Burnout. Es gibt mehr Kranke als je zuvor, auch weil es zu viel Vorsorge gibt.

Man sollte sie also einschränken?
Man sollte sie zumindest viel differenzierter und individueller machen. Ein 20-Jähriger braucht sicher eine andere Vorsorge als ein 50-Jähriger. Aber sie ist auch ein wunderbares Geschäftsmodell. Mit der Vorsorge wird sehr viel Geld verdient.

Ist das auch der Grund, warum die Österreicher so viele Medikamente nehmen?
Sicher, viele Ärzte werden von der Pharmaindustrie einer Gehirnwäsche unterzogen und verschreiben deswegen auch viel schneller die verschiedensten Medikamente, was wiederum die Patienten ängstlich macht. Jährlich kauft jeder Österreicher durchschnittlich 1.000 Tabletten. Das reicht von Kopfschmerztabletten, bis hin zu Vitaminen, oder Mitteln gegen Haarausfall oder brüchige Nägel.

Insgesamt 23 Prozent der Gesundheitsausgaben fließen allein in die Verwaltung.
Das ist sehr viel. In der Industrie zum Vergleich liegt der Wert bei sechs Prozent und das stimmt mich schon nachdenklich. Als ich ein junger Arzt war, hat es im Spital einen Verwalter gegeben. Heute sind die Verwaltungen ganze Stockwerke groß. Diese bürokratische Ebene mit vielen gutbezahlten Jobs wird immer größer.

Sie schreiben auch, dass vielfach Leben sinnlos verlängert werden. Wie kommen Sie darauf?
Einer 90-Jährigen eine Hüfte auszuwechseln, ist meistens einfach nicht mehr notwendig. Mit Schmerzmitteln kriegen Sie den Patienten auch über die Minuslebensjahre, die er laut statistischer Lebenserwartung noch hat. Wir müssen unseren Patienten zuhören und auf ihren Wunsch hören, wenn sie uns darum bitten, dass wir sie nicht weiter quälen sollen.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach verändern?
Alle Verantwortlichen müssen Tempo und Geld aus dem System nehmen. Es wäre kein Problem drei oder vier Prozent der aktuellen Gesundheitsausgaben wegzunehmen und niemand würde dadurch schlechter behandelt werden. Derzeit gibt es zu viele Geschäftsinteressen, was man gerade auch der Pharmaindustrie vorwerfen muss. Und wir müssen wieder verstehen, dass die Medizin etwas Anständiges ist und keine Geldmaschine und den Patienten wieder mehr Eigenverantwortung übergeben.