19. November 2010 09:16
Schluss mit der Angst!
Hypochondern hilft nur Therapie
Krank aus Angst vor dem Kranksein. Oft jahrelange Suche nach  Hilfe.
Hypochondern hilft nur Therapie
© sxc

Manche Krankheit ist so schlimm, dass der Gedanke daran schon Angst macht. Bei einigen Menschen wird diese gar selbst zum Leiden - Hypochondrie heißt die Diagnose. Hunderttausende leiden daran. Aus dem Knoten im Magen wird ein wachsender Krebs, aus dem erhöhten Puls ein bevorstehender Herzinfarkt - zwar nur in der Einbildung, aber auch die kann das Leben schwer beeinträchtigen.

Gedanke an tödliche Krankheiten
Hypochonder durchleben oft eine wahre Odyssee. Von einer Praxis zur anderen. Dass die Ärzte nichts finden, vermag nur kurzfristig zu beruhigen. Beim nächsten Schmerz geht es wieder von vorne los. "Kernsymptom ist die Idee, an einer oft tödlich verlaufenden Krankheit zu leiden", sagt die Marburger Psychologin Gaby Bleichhardt. Eine Idee, die meist mit extremen Ängsten verbunden ist. Eine Idee, bei der Ärzte im Grunde die falschen Ansprechpartner sind.

Psychotherapie
"Es kommt vor, dass die Leute zehn Jahre durchs medizinische System geistern, bis sie endlich beim Psychotherapeuten landen", sagt Bleichhardt. Jahre, geprägt von unnötigen Arztbesuchen und von unnötigen Ängsten. Denn mit der richtigen Therapie lässt sich das Problem eigentlich relativ gut in den Griff bekommen. Die Erfolgsraten liegen bei bis zu 80 Prozent. Einer frühzeitigen Diagnose stehen nach Ansicht der Expertin nicht zuletzt falsche Klischees im Wege: "Ärzte machen sich nicht beliebt, wenn sie sagen, das ist ein Fall für den Psychotherapeuten."

Angst vor der Krankheit
Zunächst muss also erkannt werden, dass nicht der Tumor, sondern lediglich die Angst vor dem Tumor das Problem ist. Als Lösungsweg empfiehlt Bleichhardt die kognitive Verhaltenstherapie. Dabei geht es im ersten Schritt darum, gedankliche Verbindungen zu durchbrechen - etwa die zwischen Magenschmerzen und "oh, das muss Magenkrebs sein". Dem Patienten muss klar werden, dass ein leichter Schmerz viele verschiedene Ursachen haben kann.

Im zweiten Schritt geht es um Verhaltensmuster. Ist es wirklich sinnvoll, bei jedem Magenschmerz gleich eine Magenspiegelung machen zu lassen? Oder hält es die Krankheitsangst auf lange Sicht nur aufrecht? "Das ist wie beim Suchtpatienten", sagt Bleichhardt, "die Abstände zwischen den Arztbesuchen werden immer kürzer". Solches Verhalten müsse gemeinsam mit dem Patienten problematisiert werden.

Prägende Erfahrungen
Hypochondrie kann jeden treffen. Ausgelöst wird sie aber nicht selten durch prägende Erfahrungen mit Krankheiten - sei es, dass der Nachbar plötzlich einen Herzinfarkt erleidet oder die beste Freundin an Brustkrebs stirbt. "Das sind Erfahrungen, die dieses Gefühl von 'mir wird schon nichts passieren' durcheinanderbringen", sagt Bleichhardt. Manchmal kann es auch eine besonders starke Belastung sein, die zu Krankheitsängsten führt - etwa Stress im Beruf oder die Trennung von einem Partner.

Betroffen sind immer wieder auch Medizinstudenten. "Wenn die im klinischen Semester mit all den Krankheitsbildern konfrontiert werden, kommen manche auf die Idee, sie könnten ja dies oder das selber haben", erklärt die Marburger Psychologin. Hierbei handle es sich aber streng genommen nicht um Hypochondrie. Von der Definition her muss der Patient über mehr als sechs Monate trotz gegenteiliger Diagnose an der Angst leiden, eine ernsthafte Erkrankung zu haben. Und er muss dabei deutlich in seiner normalen Lebensführung eingeschränkt sein.

Krankheitsängste
Insgesamt leiden bis zu sieben Prozent der Bevölkerung gelegentlich unter Krankheitsängsten. Die engen Kriterien für das Störungsbild Hypochondrie erfüllen Bleichhardt zufolge rund 0,5 Prozent der Deutschen - Männer wie Frauen gleichermaßen. Die meisten gehen schnell zum Arzt, weil sie es gar nicht aushalten. Andere leiden im Stillen. "Es gibt viele, die da gar nicht gerne drüber reden, weil das Thema häufig verlacht wird", sagt die Psychologin. Hier ist Hilfe besonders schwierig. Auch eine Psychotherapie kann in solchen Fällen kaum greifen. "Wenn Sie jemanden dazu zwingen wollen, dann wird er sich mit Händen und Füßen dagegen sträuben."