Viel zu viele

Wiener Experte

Viel zu viele "Allergien" vermutet

Allergien sind beim Menschen relativ häufig auftretende Gesundheitsprobleme. Daran besteht kein Zweifel. Aber die aktuelle Wahrnehmung dazu greift offenbar viel zu hoch. "Oft werden Befund (Allergietest mit Hinweis auf mögliche allergische Beschwerden, Anm.) und Krankheit verwechselt", stellte am Freitag der Allergie-Spezialist der Wiener Universitäts-Kinderklinik Szolt Szepfalusi, beim 39. Internationalen pädiatrischen Symposium in Obergurgl in Tirol (bis 19. Jänner) fest.

Haben Sie eine Allergie oder Intoleranz?

Übertriebene Maßnahmen
Ein Fallbeispiel des Experten: Ein junges Mädchen, das nach einem lang zurück liegenden Hautausschlag während eines Urlaubs und einer milden atopischen Dermatitis zum "Allergietest" ins Labor geschickt wurde. Dort wurden IgE-Antikörper festgestellt, die einen Hinweis - nicht mehr - auf eine Ei-Allergie geben können. Doch: Sofort gab es die Empfehlung, auf Eier zu verzichten und einen Provokationstest durchführen zu lassen. Dabei hatte das Kind bis dahin Eier gut vertragen. Der Kinderarzt: "Wir haben aus einem gesunden Kind ein ordentlich krankes Kind gemacht."

Das sind die häufigsten Allergien 1/8
Pollen Allergie auf Blütenstaub. Gelangt der Pollen mit der Nasenschleimhuat des Allergikers in Berührung, wirken sie dort allergieauslösend. Je nach Pollenart wird die Allergie zu unterschiedlichen Jahreszeiten ausgelöst.
  • Baumpollen im Frühjahr
  • Gräserpollen im Sommer
Hausstaubmilben Milben quälen viele tausende Österreicher und rauben ihnen Schlaf und Lebensqualität. Bleiben die anfangs grippeähnlichen Symptome unbehandelt, breitet sich die allergische Entzündung aus und wandert von Augen und Nase in Richtung Lunge. So kommt es, dass rund ein Viertel aller Hausstaubmilben-Allergiker asthmakrank ist.
Nahrungsmittel Wenn das Immunsystem auf einen bestimmten Stoff in der Nahrung allergisch reagiert, spricht man von einer Nahrungsmittelallergie, bei der aus zu trändenden Augen, laufender Nase, Astham und roten, juckenden Hautbereichen kommen kann.
 Häufigste Nahrungsmittelallergien: 
  • Nüsse und Samen
  • Stein- und Kernobst
  • Laktose – Auslöser ist das Protein der Milch
Kontaktallergie Kontaktallergien entstehen durch die Berührung mit bestimmten Substanzen, auf die der Körper allergisch reagiert: Metalle wie Nickel, Duftstoffe oder Chemikalien
Medikamente Das Immunsystem erkennt bestimmte Stoffe einer Arznei als fremd und löst eine Abwehrreaktion mit Antikörperproduktion aus.
Bienen- und Wespenstiche Nach einem Bienen- oder Wespenstich gelangt eine kleine Menge des Insektengiftes in die Haut. Normalerweise entwickelt sich dann rund um die Einstichstelle eine brennende, gelegentlich juckende rote Quaddel, die sich nach ein paar Tagen wieder zurückbildet. Doch wenn der Gestochene allergisch auf das Gift reagiert, bleibt es nicht bei der Quaddel. Sekunden bis spätestens Minuten nach dem Stich treten heftige Schwellungen rund um die Einstichstelle auf, daneben meist Atemnot, Schwellungen im Gesicht und am Hals und eine allgemein starke Hautrötung. Im Extremfall kann es zum allergischen Schock kommen und es besteht akute Lebensgefahr!
Reaktionen auf UV-Licht und Sonne Ist eine Sammelbezeichnung für verschiedene durch Sonnenlicht hervorgerufene Hautveränderungen.

Die Mallorca-Akne ist eine davon – dabei bilden sich wenige Millimeter große, kleine Knötchen im Bereich der Haarfollikelöffnungen. Die Erkrankung heilt nach Vermeidung von UV langsam ab.
Haustiere In den letzten Jahrzehnten haben Allergien durch Tierkontakt zugenommen. Immer mehr Menschen leben mit Tieren unter einem Dach und nicht wenige teilen mit ihrem Haustier das Bett. Die Überempfindlichkeit kann durch unterschiedliche Reizungen beim Kontakt mit Tieren auftreten: Direkter Kontakt mit dem Fell, Einatmen von allergenenthaltenden Staubpartikeln (z. B. in Ställen), Epithelien, Speichel, Seren und Urin.


Insgesamt dürfte sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei vielen Ärzten die Rate der echten Allergien regelmäßig viel zu hoch angesetzt werden. Szepfalusi: "Atopische Dermatitis - zehn bis 15 Prozent der Kinder haben das." Aber oft seien die Beschwerden durchaus mild, könnten mit guter Hautpflege beherrscht werden. Nur in 50 Prozent der Fälle lasse sich ein Hinweis auf eine allergische Komponente (Atopie) durch Nachweis von IgE-Antikörpern im Blut finden (nur in 20 Prozent eine Beteiligung von Nahrungsmitteln).

"Bioresonanz" unwirksam
In 60 Prozent der Fälle aber komme es zum spontanen völligen Verschwinden der Symptome. Die wissenschaftlich am besten belegten Therapien für schwere Fälle sind Cortison und die neueren Calcineurininhibitoren (Tacrolimus, Pimecrolimus). Für alle anderen angeblich entzündungshemmenden Mittel gibt es keine fundierten wissenschaftlichen Daten. Die ehemals so beliebte "Bioresonanz" hat sich in einer klinischen Studie als unwirksam herausgestellt.

"Nahrungsmittelallergien"
Völlig überschätzt werden die "Nahrungsmittelallergien". Der Wiener Kinderarzt: "Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung meinen, auf bestimmte Nahrungsmittel eine Unverträglichkeit zu haben." In Wahrheit stellen sich nach Erhebung der Symptome durch den Arzt, Labortest auf IgE-Antikörper und Hauttest) nur 0,1 bis 4,2 Prozent der Menschen als wahrscheinlich durch ein solches Problem belastet heraus. "Das ist ein Zehntel bis ein Zwanzigstel des Vermuteten", sagte Szepfalusi. Viel zu schnell werde oft eine "Diät" empfohlen, ohne dass die Symptome genau abgeklärt werden.

Auch beim "Asthma" sollten Ärzte und Eltern vorsichtig sein. Der Experte: "Mit 15 bis 20 Prozent (Symptome bei Kindern, Anm.) ist das häufig. Aber nicht alles, was nach Asthma 'riecht', ist Asthma."

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