Jean Paul Gaultier SS10

Prêt-à-porter

Mode-Zirkus in Paris

Die Trends - Die Looks - Die Shows

Nach den Schauen in New York, London und Mailand richten sich die Blicke der Modewelt jetzt auf Paris.

Dort laufen seit letzter Woche die Prêt-à-porter-Schauen. Luxus-Häuser wie Christian Dior, Jean Paul Gaultier oder Karl Lagerfeld für Chanel präsentieren ihre Damenkollektionen für die Frühjahrs- und Sommersaison. Insgesamt sind bis einschließlich 8. Oktober knapp 100 Modenschauen angesetzt.

Karl Lagerfeld hatte sich bei Chanel von einem Landsitz der französischen Königin Marie Antoinette (1755-1793) inspirieren lassen - die Schäferspiele der Adligen von einst muteten bei ihm modern und überhaupt nicht alltagsfern an. Barocke Krinolinen (Reifröcke) nahm er in Form glockiger Miniröcke auf und setzte Details wie Stoffblüten oder Puffärmel subtil ein. Tweedkostüme in Naturtönen mit "heuartig" zerzupftem Waffelmuster, Leinenstrukturen, Perlenbesatz und wunderhübsche Cocktailkleider in Pudertönen mit aufgestickten Gold- oder Silberornamenten schmeicheln jeder Frau. Einen zusätzlichen "ländlichen" Anstrich erhielt die Kollektion durch zerzauste Hochsteckfrisuren sowie Clogs mit dicken Absätzen.

Den Auftakt Anfang der Woche machten Designer wie der Belgier Tim Van Steenbergen, die Französin Anne Valerie Hash und die Tochter von Yohji Yamamoto, Limi Feu. Mit Spannung wurde die Schau von Emanuel Ungaro erwartet. Die Kollektion wurde zum ersten Mal von Estrella Archs gemeinsam mit dem Hollywood-Starlet Lindsay Lohan entworfen.
Ein sexy Look in heiteren Farben - Knallpink, Creme, leuchtende Blau- und Grüntöne - kam heraus. Enge schulterfreie Bandeaukleider, kurze Wickelröcke und lockere Seidenkleider offenbarten viel Haut. Glamour brachten schneeweiße Pelzstolen und mit Pailletten bestickte Glitzerjacken. Lohan selbst schritt Arm in Arm mit Archs nach der Schau im cremefarbenen Minikleid und mit offenen blonden Locken über den Laufsteg.

Das französische Traditionshaus Rochas stellte eine Kollektion mit schwingenden Kleidchen und bunten Drucken vor. Statt auf hohen Absätzen führten die Models die Kleider in flachen Sandalen vor, die Taille war mit einem Gürtel betont. Der italienische Designer Marco Zanini sagte, er habe sich bei den Farben von den früheren französischen Kolonien inspirieren lassen und an Indochina gedacht - heraus kamen "satte, sinnliche Farben".

Gareth Pugh ist jemand, der Kunst und Mode vereint. "Ich versuche die Dinge ein wenig interessanter zu machen. Ich mache meine Fashion Shows nur der Show wegen, nicht wegen des Geldes, denn in der Mode geht es nicht immer nur um Geld machen." Bei Ihm ist im Frühjar/Sommer '10 alles Grau. Er vereint wieder die verschiedensten Materialien und zeigt Wrapped-Looks, Schlitze und Kopfschmuck.

Der britische Designer Peter Copping gab seine Debut-Schau im Rahmen der Paris Fashion Week für Nina Ricci.
Seine sehr charmante Kollektion mit Spitze, Satin, Seide und Chiffon in zarten oder dunklen satten Farben kam beim Publikum gut an.

Auch Dai Fujiwara, Chefdesigner bei Issey Miyake , spielte seine Stärken aus. Kunstvoll kombinierte er leuchtende Farbkombinationen - ornamentale Drucke, Poppiges, Abstraktes in Matisse-Blau, Feuerrot, Violett oder Grün. Die Entwürfe umwehten wie Seidentücher die Körper der Models.

Viel Schwarz und gedeckte Farben und asymmetrische Schnittewaren die Schwerpunkte der Lanvin-Kollektion .

Ann Demeulemeester gilt als die Strenge. Ihr eigenes Label präsentierte sie 1985 gemeinsam mit ihrem Ehemann Patrick Robyn - den sie ihren wichtigsten Einfluss von außen nennt. Ihr Damenmoden-Debüt in Paris gab sie 1992. Ab 1996 entwarf sie auch Herrenkollektionen. Ihre Kollektionen gelten als sehr streng und geradezu martialisch. Schwarz ist ihre Lieblingsfarbe, heuer mit Weiß kombiniert.

Ein Meisterstück in Sachen Schneiderkunst gelang Givenchy -Designer Riccardo Tisci: Architektonisch wirkende Jacken mit grafischem Muster trafen auf fein drapierte schwarze Haremshosen. Zarte Chiffonkleider mit kurzen Röcken und in Rauchfarben erinnerten in ihrer Makellosigkeit an die Gewänder antiker Statuen.

Das Leben ist ein Kostümfest, zumindest bei der Britin Vivienne Westwood . Ihre Schau glich einem venezianischen Karneval mit Streetwear-Elementen. Die Models schwebten mit Porzellangesichtern und Engelshaaren durch barocke Räume. Ihre Kleider aus kunstvoll bedrucktem Chiffon wirkten wie einfach um den Körper gewickelt. Offene Nähte trugen zu dem Eindruck des Zusammengewürfelten bei. Es gab Anklänge an die 80er-Jahre mit Punk-Elementen oder an das Barock mit Tüllroben über Krinolinen. Polit-Botschaften auf Kleidern sowie eine Braut im Slip und bauchfreier Wickelbluse offenbarten die Liebe der einstigen Punk-Ikone Westwood zum Subversiven.

Die Schau des Antwerpener Labels Maison Martin Margiela inszenierte ein Spiel mit Material und Silhouette: Lederstiefel endeten in einer Papiertüte, mädchenhafte Kleidchen waren mit Fahrrad-Reflektoren bestickt. Fehlen wird in diesem Jahr allerdings Christian Lacroix. Das Pariser Modehaus hatte Ende Mai Insolvenz anmelden müssen und soll nun nach letzten Meldungen an einen arabischen Scheich verkauft werden.

Stella McCartney präsentiert Alltags-Look mit Klasse. In ihrer eigenen Kollektion hatte sie einen Mix aus Rustikalem - Röcke aus gewaschenem Denim sowie 70er-Jahre-Elemente wie abstrakte Blumendrucke - und damenhafter Eleganz mit schräg geschlossenen Rohseidenblazern gezeigt. Ein Knaller der kommenden Saison werden ihre lockeren Haremshosen in Violett oder Hellbeige sein, die im Schritt nicht so tief gehen wie übliche Modelle und daher tragbarer sind. Hippie-Look bekam hier Pariser Chic verpasst - dank scharfkantiger Plissierungen kamen Rüschenkleider und Hängerchen ohne Walle-Walle-Look aus.

Der Einstand der britischen Star-Designerin Phoebe Philo im französischen Modehaus Céline fiel bei den Pariser Prêt-à-Porter-Schauen ausgerechnet auf den selben Tag wie die Präsentation ihrer früheren Vorgesetzten Stella McCartney. Der Werdegang der Modemacherinnen, die zu Anführerinnen einer neuen Designer-Generation aufstiegen, weist starke Parallelen auf.
Als Philo, die zuvor als Stellas Assistentin im Modehaus Chloé gearbeitet hatte, ihre Studienkollegin und langjährige Freundin 2001 ablöste, wurden ihre Kollektionen dauernd verglichen. Längst sind beide bei Chloé weg, haben geheiratet, Kinder bekommen und die "rockige" Phase hinter sich gelassen. Dass sie auch als gereifte Mittdreißigerinnen zum modischen Sprachrohr ihrer Altersgenossen taugen, bewiesen sie am Montag mit ihren Damenkollektionen für Frühjahr/Sommer 2010. Sie glänzten mit sehr eigenständigen Entwürfen.

Die Gäste der Louis Vuitton Fashion Show sahen Afro-Look und wer seine Augen davon abwenden konnte, bemerkte, dass Jacobs verschiedene Elemente neu interpretierte. Fahradhosen mit Pailletten, Parkas als Kleider, plötzlich meint man bei Chanel zu sitzen, denn es gibt Jacken mit großen aufgenähten Taschen im klassischen Coco-Design. Alles bunt, alles gemustert und sexy.
Marc Jacobs fasst seine Show in folgenden Worten zusammen: "Es geht hier um einen Reisenden - besonders um die Bewegung, die nach dem Punk aufkam", und so Jacobs weiter "dann haben wir noch über Hiking und Trekking nachgedacht – und Denim und Parkas."
Zurückkommend auf die Kernkompetenz des Hauses Louis Vuitton, das erzeugen von Lederwaren, sticht einem neben den wirklich coolen Taschen vor allem eines für viele schmerzhaft ins Auge:
Marc Jacobs will mehr die Tochter als Kundin, als die Mutter.

In Paris laufen die „Prêt-à-porter“-Schauen ("Ready-to Wear"), nicht die "Haute Couture", wo oft ausgefallene Kunstkreationen gezeigt werden. Insofern finden viele Mode-Insider die Show von Alexander McQueen übertrieben.
Dass "wer schön sein will, leiden muss", ist veraltet, wer aber leiden will, der sollte Schuhe von McQueen tragen.
Eines muss man McQueen zu gute halten: Er hat sich was einfallen lassen.
Seine Kleider sind teilweise raffiniert geschnitten und versprühen extraterrestrischen Charme.

Paul Gaultier zeigte für Hermes eine Art Tennis-Look vom Allerfeinsten, mit edlen Pullovern mit V-Ausschnitt und schmalen Streifen, kleinen geschlitzten Faltenröckchen aus Leder und schimmernden Seidenkleidern mit Holderneck-Trägern und sportiven Details. Dass Weiß, Creme und Blau dominierten, war dabei klar. Doch schon lange gab es kein so strahlend schönes Königsblau mehr wie hier.