'Leute können billig sein, Kleider nicht!'

Agent Provokateur

'Leute können billig sein, Kleider nicht!'

Er ist das, was man unumwunden ein Genie nennt. Karl Lagerfeld, 77 Jahre alt und von Pensionistenlethargie so weit entfernt wie seine mollige Muse Beth Ditto von der Figur eines Topmodels. Genau dieser zollte er bei der Verleihung des TV-Preises Bambi in Deutschland mit einer seiner bekannt launigen Reden Tribut. Als „strammen Brummer“ bezeichnete der Modezar die Gossip-Sängerin und gratulierte ihr zu Authentizität und Frechheit. Denn auch 'König Karl' ist ein Freund der deutlichen Aussprache und nimmt, wenn es um Stilfragen geht, kein Blatt vor den Mund.

Lästermaul
Zu Heidi Klum fällt ihm nur ein, dass ihm nichts zu ihr einfällt („Ich kenne die Frau überhaupt nicht.“) und Ehemann Seal ließ er ausrichten: „Ich bin kein Dermatologe, aber seine Haut möchte ich auch nicht haben.“ Im aktuellen ZEITmagazin lästert der Design-Guru nun über das Outfit des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass: „Er sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken“ und lässt auch sonst kein gutes Haar an den Intellektuellen der Nation, die er schlichtweg als „Schlampen“ bezeichnet.

 

Bereits 1976 trugen Sie den Look mit dem hohen Hemdkragen. Wie kamen Sie dazu?
Karl Lagerfeld:
Das habe ich von meinem Patenonkel abgeschaut. Eine beeindruckende Erscheinung, er wurde 103 Jahre alt. Ich war als Kind einmal mit ihm in Münster spazieren. Dann kamen wir an der Freiligrath-Straße vorbei. Ich fragte ihn, wer denn Freiligrath gewesen sei. Da gab er mir eine Ohrfeige. Später sagte er zu meiner Mutter: „Dein Sohn ist ein Dummkopf, er weiß nicht, wer Freiligrath war.“ Da war ich zehn Jahre alt...

...und sollten einen Lyriker des 19. Jahrhunderts kennen? Klingt nicht danach, als habe man in Ihrer Jugend besondere Rücksicht auf kindliche Belange genommen.
Lagerfeld:
Ich wollte nie Kind sein, ich wollte immer nur erwachsen werden. Den Rat gebe ich heute noch allen Kindern: Entweder du machst auf erwachsen oder du hältst besser den Mund.

Und das sagen Sie in Zeiten, in denen Eltern dazu animiert werden, möglichst viel gemeinsam mit ihren Kindern auf dem Spielplatz zu toben!
Lagerfeld:
Da bin ich sehr gegen! Fürchterlich! Mein Patenonkel, das war für mich ein Vorbild. Wo sind denn heute die Vorbilder? Früher wollten wir Kinder erwachsen werden – heute wollen die Erwachsene am liebsten Kinder sein. Die kleiden sich ja schon wie ihre Kinder, mit kurzen Hosen und bunten Polos. Und am Schluss verdummen alle Generationen friedlich gemeinsam vor dem Fernseher! Ich finde, Kulturminister müssten auch Erziehungs- und Wissenschaftsminister sein.

Ihre Mutter hat nie eine Ihrer Modeschauen gesehen – was würde Sie dazu sagen, was heute aus Ihnen geworden ist?
Lagerfeld:
Das hat sie nie so interessiert. Aber das finde ich in Ordnung, wenn die Eltern ein bisschen auf Abstand bleiben. Ich glaube, sie würde finden, dass ich mich mehr hätte anstrengen sollen und ein bisschen ehrgeiziger und weniger bequem hätte sein sollen.

Was soll denn noch kommen?
Lagerfeld:
Ich bin nie zufrieden, ich glaube immer, ich hätte noch alles vor mir und könnte es noch besser machen. Eine bessere Show, eine bessere Kollektion, alles geht immer besser. Ich komme mit der Zeit nicht aus, ich habe diese dumme Angewohnheit, sieben Stunden zu schlafen.

Was wollen Sie sich denn modisch noch beweisen?
Lagerfeld:
Ich habe eine gewisse Verantwortung, ich kann die Leute nicht hängen lassen.

Zurzeit sind Sie omnipräsent: Sie haben eine Cola-Flasche gestaltet, Sie illustrieren Novellen, machen eine Kollektion für die Marke Hogan, arbeiten mit Swarovski zusammen – wird das nicht ein bisschen viel?
Lagerfeld:
Warum denn? Das ist für mich doch eine willkommene Abwechslung, anstatt immer nur Mode oder eine Art von Mode zu machen. Ich will alles wissen, alles können, verstehen, ausprobieren. Da ist eine Neugier. Und wenn ich mal etwas schlecht mache, schadet es mir nicht. Gerade deswegen klappt das auch alles bei mir.

Und ab 2011 möchten Sie eine preiswerte Modekollektion online verkaufen…
Lagerfeld:
Das Teuerste mache ich ja schon. Also ist es für mich interessant, das Preiswerteste zu machen. Ich nenne das nicht billig. Billig ist ein fieses Wort. Leute können billig sein, Kleider nicht.

Welche Freiheit hat Ihnen die Mode gegeben, die Sie in der Kunst nicht gehabt hätten?
Lagerfeld:
Kunst? Ich hasse die Idee von Mode und Kunst. Architekten sind Architekten, Designer machen Design. Die Größten in den Berufen beschreiben sich so. Sie sagen nicht: „Ich bin Künstler.“ Früher wollten die Modeschöpfer social sein, heute wollen sie Künstler sein – das ist Quatsch. Mode ist der Zeitausdruck mit der kürzesten Zeitspanne.

Sind die Deutschen in den vergangen 40 Jahren modischer geworden?
Lagerfeld:
Heute gibt es so viele modische Deutsche wie Franzosen, Italiener, Amerikaner. Außer bei den Intellektuellen. Früher, da sahen die Intellektuellen noch nach etwas aus. Aber heute sind das doch alles Schlampen – und nicht nur die Deutschen. Tut mir leid, ich hasse schmuddelige Intellektuelle. Günter Grass sollte sich mal Schlips und Kragen zulegen, er würde jünger wirken.

Mancher würde Ihnen Oberflächlichkeit anlasten.
Lagerfeld:
Ich weiß! Ich bin oberflächlich. Aber das ist das, was man sieht – und woraus man Schlussfolgerungen zieht. Die Oberfläche ist schließlich mein Beruf.

 

Diashow Lagerfeld für Swarovski

Lagerfeld für Swarovski

Eine Kette aus der limitierten Kollektion von Karl Lagerfeld

Lagerfeld für Swarovski

Die passende Brosche zur Kette.

Lagerfeld für Swarovski

Dieser fein gearbeitet Armreifen ist ein Hingucker.

Lagerfeld für Swarovski

Auffallend aber doch mit Klasse. Karl Lagerfeld hat sich bei dieser Kollektion von antikem Inka-Schmuck inspirieren lassen. Wir mögen das Ergebnis.

Lagerfeld für Swarovski

Modezar Karl Lagerfeld in seinem klassischen Outfit.

Lagerfeld für Swarovski

Sein weißes Haar ist wie immer perfekt zurecht gebunden

Lagerfeld für Swarovski

Lagerfeld in Paris, wo er auch die meiste Zeit verbringt.

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Autor: Alexandra Stroh
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