Menerva

Wunderweib & Wahnsinn

Autorin Menerva Hammad spricht Müttern aus der Seele

Als Grumpy Cat der Mutterschaft bezeichnet sich Autorin Menerva Hammad und schreibt in ihrem Buch „Vom Muttertier zum Wunderweib“ offen über die Schattenseiten, Mama zu sein. 

Fluchen, schreiben, weinen … all das muss auch einmal sein“, sagt die zweifache Mutter Menerva Hammad (32), die mit ihrer Ehrlichkeit auf ihrem Blog www.bloghotelmama.at schon seit Langem polarisiert. 2019 veröffentlichte die Wienerin mit ägyptischen Wurzeln ihren Bestseller „Wir treffen uns in der Mitte der Welt“, in dem die praktizierende Muslima und Feministin mit Humor und Temperament mit Stereotypen bricht. Jetzt widmet sich Hammad einem weiteren Tabuthema: den Schattenseiten des Wunderschönsten des Lebens, der Mutterschaft. Dabei nimmt sich die Mama zweier Töchter (Laila, 5, und Lina, 1) kein Blatt vor den Mund, etwa wenn es um das Thema Eltern-Sex, den weiblichen Orgasmus, den Verlust der eigenen Identität, finanzielle Einbußen und das Gefühl, sein ganzen Leben verloren zu haben, geht. Das Interview über einen ungewöhnlichen, unterhaltsamen und sehr ehrlichen Ratgeber und Guide für die Motherhood:


Frau Hammad, inwiefern unterscheidet sich Ihr zweites Buch von dem ersten?
Menerva Hammad:
Die Idee zum zweiten Buch war eigentlich zuerst da. Im ersten Buch geht es mehr um Stereotype von Frauen, jetzt geht es vor allem um die weibliche Sexualität und das Leben nach der Mutterschaft. Man stellt sich ja manchmal die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Ich stelle mir die Frage: Gibt es ein Leben für die Frau nach der Mutterschaft? (lacht) Dem gehe ich in meinem Buch auf zynische Weise, aber mit durchaus ernsten Aspekten auf den Grund.

Sie schreiben sehr offen über Sexualität und peinliche Situationen – wie schwer war es für Sie, sich derart zu öffnen?
Hammad:
Gar nicht schwer, aber ich glaube, das hängt mit meiner Persönlichkeit zusammen. Ich habe kein Problem, über weibliche Sexualität oder darüber, was mit Müttern, die ins Berufsleben zurückkehren, passiert, oder auch über finanzielle Problematiken zu sprechen. Letztere sind ein ganz wichtiger Faktor für Frauen, denn nur finanziell unabhängige Frauen können aus toxischen Beziehungen ausbrechen.

© braumüller
Mine
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Das Buch „Vom Muttertier zum Wunderweib“ von Menerva Hammad ist soeben im Braumüller Verlag (um 18,99 Euro) erschienen. 

Gab es einen Auslöser dafür, dass Sie über dieses Thema schreiben wollten?
Hammad
: Ja, ich saß mit meiner ersten Tochter, die damals ein paar Monate alt war, auf der Couch, roch nach Babykotze und scrollte durch Instagram, wo ich nur sah, wie das Leben anderer Menschen weitergeht. Die eine verreist, die andere wird befördert … und ich sitze da wie ein Häufchen Elend. In dem Moment dachte ich: Mein Leben ist vorbei! Und auch wenn man das vom Hörensagen weiß, man realisiert es erst, wenn man selbst Mutter ist. Erst dann merkst du, dass du nie wieder an erster Stelle stehen und nie wieder sorgenlos schlafen wirst.

Dachten Sie zuvor, die anderen übertreiben – ich kriege das locker hin?
Hammad
: Nein, ich wusste schon, dass ich in der Rolle abkacken werde. (lacht) Bei so vielen anderen Müttern, auch bei meiner, sah es immer so aus, als wäre die Mutterschaft die Erfüllung des Lebens, als wäre es nur schön. Und es ist ja auch schön, aber eben nicht nur schön.

Dass man sich als Mutter oft auch schlecht fühlt, ist ein Tabuthema …
Hammad:
Ja, deshalb sage ich es auch ganz laut, weil ich inzwischen von sehr, sehr vielen Frauen weiß, dass es ihnen ganz genauso geht wie mir.

Welche Rolle spielen Väter in dieser Problematik? Wie ist das bei Ihnen zu Hause – teilen Sie Ihre Aufgaben fair auf?
Hammad
: Ja, ich habe das Glück, einen Mann zu haben, der seine Rolle als Vater ernst nimmt, oftmals habe ich dennoch den Eindruck, dass Frauen ihre Männer einbeziehen müssen und sie dann machen lassen. Man soll es den Vätern zutrauen, sich auch einmal allein um die Kinder zu kümmern und dann immer öfter. Heute nehme ich mir die Freiheit, alleine Freundinnen zu treffen, einfach auszugehen, wenn mir danach ist, das war früher nicht so, es machte mir ein schlechtes Gewissen. Und auch wenn die Kinder weinen, wenn ich weggehe – sie werden es überleben und mein Mann hat gelernt, damit umzugehen. Es muss nicht immer die Mama alles alleine machen.

Wer oder was hat Ihnen den Weg aus Ihrem persönlichen Dilemma gezeigt, sodass Sie jetzt anderen Müttern mit Ihrem Buch Mut machen können?
Hammad:
Die Erkenntnis, dass mir meine Kinder gar nichts schulden. Ich hingegen schulde ihnen alles: Liebe, Respekt, Geld, einfach alles. Zudem sind die Erwartungen an mich selbst gesunken. Früher dachte ich, ich muss jeden Tag frisch kochen, es muss alles geputzt, gebügelt und perfekt sein. Dabei hat das doch nichts mit meiner Qualität als Mutter zu tun. Die äußert sich einzig und allein darin, wie es meinen Kindern geht.

Sie sind Muslima, leben in Abu Dhabi – wie viel Kritik ernten Sie, wenn Sie so offen über Tabuthemen wie den weiblichen Orgasmus und Eltern-Sex schreiben?
Hammad:
Mein Buch erscheint ja im deutschsprachigen Raum, in den Emiraten kennt mich keiner. Aber es ist hier auch weit offener als das Bild, das wir in den westlichen Ländern gezeichnet bekommen. Natürlich ist die muslimische Community in den deutschsprachigen Ländern auch nicht klein – und ich muss sagen, da feuern mich die Frauen an, weil sie ja wissen, was ihnen fehlt. Vielleicht sind nicht alle Männer mit dem einverstanden, was ich schreibe – aber Männer sind generell keine Fans von mir. Sie wollen mir entweder das Kopftuch runterreißen oder dass ich es enger binde – und ich lebe sehr gut damit.


Nach all dem, wie Sie die Mutterschaft beschreiben, haben Sie dennoch ein zweites Kind bekommen. Wieso?
Hammad:
Weil ich Masochistin bin. (lacht) In der Woche, in der Laila windelfrei wurde, habe ich erfahren, dass ich wieder schwanger bin. Und es war geplant! Aber jetzt ist dann wirklich Schluss, jetzt reicht’s (lacht). So eine Schwangerschaft ist ja auch furchtbar. Ich hatte nach dem zweiten Kind 90 Kilogramm, da ist nichts mehr mit Baby­glow. (lacht) Nein, wir sind superglücklich mit unseren beiden Töchtern – und irgendwann will ich auch wieder beruflich durchstarten.   

 

„Nehmen Sie sich, was sie gerade brauchen“  

Weibliche Sexualität thematisiert Menerva Hammad ebenso wie das schlechte Körpergefühl vieler Mütter. Auszüge aus dem Kapitel „Sex am Stiel“:

Der Unterschied zwischen dem Sex kinderloser Paare und Eltern-Sex:
Erstere können versauten Sex haben und das in der ganzen Wohnung, außerhalb der Wohnung, zu jeder beliebigen Tages- und Nachtzeit, während Eltern (von kleinen Kindern) viel vorplanen müssen (...) Wer will schon leisen, unfertigen, null erotischen Sex? Niemand. (...) Das Einzige, das für Langzeitbeziehungen in puncto Sex spricht: Alle Fassaden fallen. Alle.

Lieben Sie Ihren Köper:
Er ist liebenswert, auch wenn wir so sozialisiert werden, diesen nicht lieben zu können, rebellieren Sie und tun Sie es doch, denn es gibt keinen Grund, dies nicht zu tun. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen Frauen, denn selbst wenn wir alle das Gleiche äßen und uns gleich bewegten, hätten wir nicht die gleichen Körper und Einstellungen dazu. Das Erblühen kommt von innen.

Finden Sie heraus, was Ihnen gefällt:
Finden Sie heraus, welche Art der Berührung Ihnen guttut, und befreien Sie sich von Narrativen, die Sie daran hindern. Lust ist ein Recht und ein Bedürfnis, das gestillt werden muss, was zum Teil in Ihrer Verantwortung liegt, denn dieser Körper gehört Ihnen und die
Lust dazu auch. Probieren Sie die Fantasien Ihrer Träume aus, dort sind Sie doch mutiger, bewegen sich anders, gewagter und lauter.

Scham hat keinen Platz:
Machen Sie kein Geheimnis daraus, sobald Sie wissen, was Sie mögen. Kommunikation ist alles. (...) Sex ist ein Zusammenspiel. In einem Spiel gibt es Regeln, und wir möchten bitte alle möglichst viel gewinnen: vor allem Spaß.