Casanova geht für sieben Millionen Euro nach Paris

Casanova geht für sieben Millionen Euro nach Paris

"Ich wollte die Manuskripte der Öffentlichkeit zugänglich machen", sagte Hubertus Brockhaus bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags am Donnerstag in Paris. Der Leipziger Verleger Friedrich Arnold Brockhaus hatte 1820 von einem Neffen Casanovas (1725-1798) die in Französisch verfassten Memoiren für rund 200 Taler gekauft. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Manuskript in einem Bunker. Dann übersiedelte die Familie Brockhaus - zusammen mit dem Manuskript - nach Wiesbaden. Seit 1945 waren die Memoiren in einem Tresor der Deutschen Bank deponiert, wie der Frankfurter Kunstberater Christoph Graf Douglas berichtete. Er hat das Geschäft mit den Franzosen eingefädelt.

"Die Geschichte der Manuskripte ist fast so abenteuerlich wie das Leben des Autors selbst", sagte der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand. Casanova, der italienische Rumtreiber und Profi-Liebhaber, schrieb seine Lebensgeschichte auf einem Schloss in Böhmen, während in seiner zweiten Heimat Frankreich die Revolution tobte. Er schrieb auf Französisch und nicht auf Italienisch, "weil die französische Sprache weiter verbreitet ist als die meinige", wie er selber bemerkte.

"Als es im Zweiten Weltkrieg keine Autos mehr gab, ist mein Großvater mit den Manuskripten auf dem Fahrrad durch Leipzig gefahren", erzählt dessen Enkel Hubertus Brockhaus heute. Die Sekretärin sei neben dem Fahrrad hergelaufen und habe die gestapelten Kisten mit den Manuskripten festgehalten. Als die Stadt bombardiert wurde, befand sich die Handschrift glücklicherweise in einem Bunker.

Die französische Regierung konnte sich das "literarische Meisterwerk" nur leisten, weil sie einen anonymen Mäzen fand. Das einzige Exemplar der Handschrift soll im kommenden Jahr in einer Ausstellung in der franzöischen Nationalbibliothek gezeigt und sobald wie möglich digitalisiert und in einer kritischen Ausgabe herausgebracht werden. Auch in Venedig - und möglicherweise auch Berlin - soll das Werk ausgestellt werden.

Noch nie wurden für ein literarisches Manuskript mehr bezahlt als für die Casanova-Memoiren. Noch teurer war allerdings der von Leonardo da Vinci (1452-1519) verfasste "Codex Leicester", den Microsoft-Gründer Bill Gates 1994 für 30,8 Millionen Dollar ersteigerte. Darin hat Leonardo seine Erfindungen und Theorien beschrieben.

Die Gespräche mit Frankreich haben nach Angaben des Kunsthändlers Douglas zweieinhalb Jahre gedauert. "Dies waren keine leichten Verhandlungen, weil unsere Preisvorstellungen hoch waren." Es habe aber keinen Kompromiss gegeben. Letztlich sei der Kauf auch unter Einbindung des französischen Premierministers zustande gekommen.

Von den Casanova-Memoiren gibt es bereits etwa 500 Ausgaben. Doch die meisten von ihnen sind stark zensiert oder überarbeitet. Verleger verschiedener Epochen haben allzu erotische Stellen gestrichen oder die "Italozismen" des gebürtigen Venezianers abgeschliffen. Erst 1960 brachten Brockhaus und der französische Verlag Plon eine originalgetreue Ausgabe heraus, die jedoch nicht die zahlreichen Überarbeitungen des Autors berücksichtigt.

"Wir haben in Casanova allzu lange nur den Abenteurer und ausschweifenden Hedonisten gesehen", meinte Mitterrand. Casanova sei aber in erster Linie einer der ganz großen Autoren der französischen Literatur des 18. Jahrhunderts, der ein "Werk voller Leben" hinterlassen habe.

Einige Erkenntnisse des alternden Casanova haben bis heute nichts an Aktualität eingebüßt: "Die Vernunft ist des Herzens größte Feindin", schreibt er an einer Stelle. Und an anderer: "Je unschuldiger ein Mädchen ist, desto weniger weiß sie von den Methoden der Verführung. Bevor sie Zeit hat nachzudenken, zieht Begehren sie an, Neugier noch mehr und Gelegenheit macht den Rest."

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