Kein Tag wie der andere

Uschi Fellner

Kein Tag wie der andere

Ich war früh aufgestanden. Es war ein heißer Sommermorgen, die Vögel zwitscherten, die Luft flirrte. Ich zog das Kleid an, das mir derzeit am besten passt, weil ich darin aussehe, als hätte ich die drei Kilo abgenommen, die ich seit drei Monaten abnehmen will. Alles gut.

In meiner Stamm-Trafik kaufte ich drei Lose. „Soll ich sie als Geschenk einpacken?“, fragte die Trafikantin. (Ich kaufe Lose immer als Geschenk. Weil ich davon ausgehe, dass ich nie, die anderen aber vielleicht doch gewinnen.)
„Nein“, sagte ich, „die sind heute für mich.“  
„Alles Gute!“, rief die Trafikantin. Während ich ins Büro fuhr, sah ich im Auto die Post durch.

Ein lieb gewonnenes Ritual. Ich fand den Brief eines Lotterie-Unternehmens.
„Verehrte Gewinn-Anwärterin“ wurde ich genannt und es wurde mir mitgeteilt, dass mir mit diesem Brief die „Goldene Privilegien Karte“ ausgehändigt werden könne, da ich zu einem ausgesuchten Kreis von privilegierten Personen zähle.

Wenn ich das beigefügte Formular mit meinen Daten ausfülle, schrieb das Unternehmen, würde ich bei einer weltweit einzigartigen Ausschreibung teilnehmen, bei der die sagenhafte Summe von 849 650 341 Euro zur Auszahlung gelange. Es könnte rein theoretisch sein, dass ich die 849 Mil­lionen abräumen würde. Und jemand anderer die 650 Tausend. Und ein vom Schicksal geprügelter Dritter die 341 Euro.

Die Bankverbindung müsse nicht zwingend angegeben werden, stand da, aber sie wäre kein Nachteil… Ist ja logo. Für den Ernstfall. 849 Millionen, puh. Keiner würde mir glauben, dass ich das gewonnen habe. Man würde mich verhaften. Einsperren. Das Geld beschlagnahmen und zur Sanierung der Westautobahn verwenden. Und mit dem Rest Griechenland kaufen. Mit meinem Geld. Ich zerknüllte den Brief. Dann öffnete ich meine drei Lose. Leider nein, leider nein, leider nein. Leider nie.
Dann ging ich ins Büro und alles war wie immer.

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