Kein Tag wie der andere

Uschi Fellner

Kein Tag wie der andere

Warum ich sehr dafür bin, klar meine Meinung zu sagen

Meine Freundin E. hat Donnerstagabend niemals Zeit, weil Freitagfrüh ihre Putzfrau kommt. E. muss vorputzen. Dass das nötig ist, hat E.s Putzfrau gleich bei der ersten Wohnungsbegehung deutlich gemacht. Resolut schritt die Putzfrau durch die Räumlichkeiten, blieb da und dort stehen, schüttelte den Kopf. Strich mit dem Finger über Regale, rümpfte die Nase und sagte: „Ollas dreckat!“

„Genau deshalb sind Sie hier!“, hätte E. eigentlich sagen sollen. Ging aber nicht. E. sagte nichts, weil sie Angst vor der Verachtung ihrer Putzfrau hat. Seither putzt sie vor, damit die Putzfrau nichts zu meckern hat. Wenn ich E. darauf hinweise, dass Putzfrauen normalerweise dafür bezahlt werden, einem das ­Leben zu erleichtern, blickt sie ins Leere und seufzt. Und sagt: „Ja, eh.“

Ich kann das nachvollziehen. Als mein älterer Sohn noch sehr klein war, ging er für kurze Zeit in ­einen Kindergarten, in dem es eine Leiterin gab, die ihn mir jeden Tag mit den Worten aus der Hand riss: „Nur kein Abschiedsdrama, bitte!“ Dann ging sie mit ihm weg und schlug das Tor zum Gruppenraum zu. Ich schaffte es nie, ihr meine Meinung zu sagen, immer wenn ich dazu ansetzte, verzog sie das Gesicht und sagte etwas, das mit einem scharfen „keine“ anfing und einem scharfen „bitte“ aufhörte („keine Übertreibungen, bitte!“, „keine Aufregung, bitte!“).

Ich nahm das Kind dann lieber raus. „Wie kannst du dir das nur gefallen lassen“, sagten meine Freundinnen zu mir. Ich glaube, ich blickte damals ins ­Leere und seufzte. Ja, eh. Letzte Woche stand ich in einem Kreis von erfolgreichen Menschen vor einem grauenhaften Bild, das ein bedeutender Maler gemalt hatte. Alle machten Bemerkungen wie „es polarisiert“ oder „echt mutig“ oder „interessant“. Keiner sagte die Wahrheit: „Pfui, wie schiach!“ Viele seufzten.

Irgendwann, in einem nächsten Leben aber trauen wir uns. Und wie! Und bis dahin üben wir den perfekten Kompromiss. Ja, eh.