Kein Tag wie der andere

Uschi Fellner

Kein Tag wie der andere

Bitte, vom Osterhasen wünsche ich mir Bücher. Nichts Großartiges und, wenn es sich vermeiden lässt, keine Weltliteratur. Für derlei Anstrengungen bin ich zu müde. Bevorzuge das leichte Genre.
„Traurig schaute Katharina zu, wie ihr Mann Koffer für Koffer in dem schweren Wagen verstaut, und die Regentropfen, die ihr ins Gesicht fallen, vermischen sich mit ihren Tränen. Nun war er also da, der Moment, vor dem sie sich gefürchtet hatte. Robert ging für immer...“

Theoretische Millionenfrage: Aus welchem Werk stammt obige Textpassage? A) Robert Musils Mann ohne Eigenschaften; B) Thomas Manns Zauberberg; C) Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder D) „Bastei – jedem seine Welt“-Romanheft, Folge 756 Nur die Liebe lässt uns atmen.
Ich zum Beispiel weiß die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Habe den Mann ohne Eigenschaften nämlich bis Seite 261 gelesen (bis dahin ging Robert nicht für immer!). Dann beschloss ich, Pause zu machen. Die Pause dauerte elf Jahre, so lange stand das angelesene Buch vorwurfsvoll im Regal. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeiging, hörte ich meine Oma sagen: „Was man anfängt, muss man zu Ende bringen.“

Also. Vor zwei Monaten habe ich beschlossen, weiter zu lesen, bin schon auf Seite 317. Nur noch 1578 Seiten, dann kann ich in Frieden ewig ruhen.
Was die Millionenfrage betrifft: D ist richtig. Hätte aber auch A, B, oder C sein können. Nana, tun Sie jetzt nicht so! Schon die größten Autoren verdingten sich mit dem Verfassen von Schriften, die niedere Instinkte befriedigen. Wahrscheinlich wussten sie aus Erfahrung: Es ist quälend im Bett zu liegen und sich die geputzten Zähne an großer Literatur auszubeißen, während in der anderen Betthälfte einer Bestseller verschlingt und ab und an einen Brocken fallen lässt wie „Spannend!“ oder „Stört dich das Licht eh nicht..?“

Wer Musil liest, den stört das Licht. Weil er ratzen, schnarchen, endlich schlaaafen will! Deshalb gönne ich dem Mann ohne Eigenschaften wieder eine kleine Pause und widme mich Violets Vermächtnis. Leicht lesbar, heiter bis bewölkt, und wenn mir dereinst friedlich für immer die Augen zufallen, wäre mein Leben kein anderes geworden, hätte ich Musil zu Ende gelesen.

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