Mein perfekter Tag

Den Tag ohne Checkliste begehen

Den nächsten Sonntag würde ich alleine verbringen. Mein Mann wollte mit seiner Herren-Runde eine ganztägige Bergwanderung machen.

Und ich hatte ja schon so lange so vieles vor:

Kleiderkasten ausmisten, Terrassen-Steinplatten vom Unkraut befreien, Belege sortieren und lesen, ja, die neueste Donna Leon lag noch ungeöffnet am Schreibtisch. Als mein Mann am Sonntag-Morgen versuchte, sehr, sehr leise zu sein, als er mit Rucksack und in Wandermontur die Wohnung verließ, lag ich noch im Bett. Sofort begann sich in gewohnter Weise eine to-do-Liste in meinem Kopf aufzubauen:

1. Terrasse, 2. Kleiderkasten, 3. Schreibtisch, als ich bei Punkt 9. angelangt war, schüttelte ich innerlich den Kopf und sagte energisch „nein“. Ich verließ mein Bett und ging ohne weiteren Plan ins Bad und Küche uns sah erfreut, dass mein lieber Mann vorm Weggehen noch Tageszeitungen und frisches Gebäck für mich geholt hatte. Auf meiner Kaffeetasse klebte ein post-it mit „Wünsche Dir einen schönen Tag“. Ich gratulierte mir zum Entschluss, den Tag ohne Checkliste zu begehen und genoss mein Frühstück. Sobald fertig, meldete sich kurz mein gut gepflegtes Pflichtbewusstsein wieder. Doch vielleicht mit den kleinen Gartenarbeiten beginnen?

Da leuchtete mir plötzlich eines meiner Bilder an der Wand entgegen.„Rotlicht“ , eine abstrakte, wilde, farbenstarke Mischung. Na klar, malen! Das war’s, was ich heute tun würde. Also hinein in meinen alten Mal-Kittel, Pinsel, Farben und Leinwand hervorgeholt und losgelegt. Heute war mir nach gelb zumute. Gelbe Töne angemischt, etwas Sand eingerührt und mutig den ersten Pinselstrich auf die Leinwand gesetzt, ohne Absicht, ohne Ziel. Ich malte, übermalte, veränderte, mischte, lies trocknen, holte dahinter liegende Farbtöne wieder hervor. Intensität kam hoch. Spannung, Konzentration. Und irgendwann eine gewisse Form von Stress. Ein Druck, der es unmöglich macht, zu unterbrechen, der die davor noch so wilden Striche plötzlich langsam und sorgfältig werden lässt: das Erfühlen, dass jetzt bald jener entscheidende Moment kommt, an dem es gilt „Stopp“ zu sagen. Stopp, weil jeder weitere Strich bereits zuviel wäre. Diesen Moment zu übersehen, hieße, das Bild totzumalen. Nicht zu erkennen, wann es „fertig“ ist.

Und er kam, dieser Moment. Aufatmen. Einen Schritt zurücktreten. Blick auf das Werk mit neuer Distanz. Erstmals nicht Schöpfer, sondern Betrachter. Wirken lassen. Empfinden und erste Gedanken für die Namensgebung nutzen: Kräftiges Orange, leuchtendes Gelb. Dazwischen Elemente in Blautönen. Frisch, kräftig und sehr, sehr optimistisch. Ich habe es „Fresh fruits“ genannt.

Es ist Abend geworden. Ich hatte Zeit und Raum vergessen. Mein Mann kam heim, müde und froh, weil erfolgreich den Berg bestiegen. Mir ging’s ebenso. Erschöpft, aufgewühlt und glücklich. … „.wie war Dein Tag?“ wurde ich gefragt. „Perfekt“ war meine Antwort.