Platz für  etwas  Irrsinn

Kristin Pelzl-Scheruga

Platz für etwas Irrsinn

Sich maßlos mäßigen? Das geht am Leben vorbei...

Manchmal beneide ich die Kolleginnen der anderen Ressorts: Wenn sie uns Haubenmenüs vom Kaloriengehalt zehn fetter Oberstorten vorstellen. Oder verboten teure Stiefel, die aus Leder und Glückshormonen und sonst nichts gefertigt wurden. Oder wenn sie wieder einmal die Nacht zum Tag gemacht und auf einem Society-Event durchgetanzt haben.

Ich hingegen zitiere vorwiegend Experten, die Grundsolides propagieren: Früh aufstehen, warm frühstücken, viel grünen Tee trinken, zeitig zu Bett und im Idealfall nach 16 Uhr nichts mehr essen. Das ist – zugegebenermaßen – vernünftig und beschert uns ein langes Leben. Nur: Wer will ein solches, wenn es keinen Spaß macht?

Der Wiener Philosoph Robert Pfaller („Wofür es sich zu leben lohnt“; Fischer) bringt es auf den Punkt: Wirklich glücklich ist nur, wer hin und wieder mal Dinge tut, von denen er ganz genau weiß, dass sie unvernünftig sind (also zu teuer, zu giftig oder verpönt).
Woran werden wir uns erinnern? Dass wir jeden Tag Bio-Karotten gegessen haben? Oder an Nächte, in denen man die Spritzer nicht gezählt hat und morgens erschöpft am Arm des Besten glückstaumelnd heimgewankt ist? Nein, so was macht man nicht alle Tage. Aber wer zu 95 % sehr erwachsen ist, hat die Pflicht, den Rest für Verrücktheiten frei zu halten, an die man noch denkt, wenn man fitte 120 ist.

Kristin Pelzl-Scheruga ist Gesund-Chefin von MADONNA.