Kein Tag wie der andere

Uschi Fellner:

Kein Tag wie der andere

Das Praktische an Weihnachten ist, dass es sich jedes Jahr um die gleiche Zeit wiederholt. Es war März, als mir zum ersten Mal richtig auffiel, dass beim Eingang zum Kinderzimmer noch immer ein riesiger Adventkalender mit 24 geöffneten Türchen hing. „Sollen wir den nicht mal abhängen?“, fragte ich das zuständige Kind. „Von mir aus“, sagte es.
Gegenüber dem Adventkalender befindet sich ein Spiegel, das heißt, jeder, der sich auf hundert Meter dem Kinderzimmer nähert, sieht zuerst den Adventkalender. „Ah, der Adventkalender“,
dachte ich im März und April circa achthundert Mal, „man sollte ihn eigentlich abhängen.“
Der Sommer zog ins Land. „Heiß heute“, dachte ich an einem heißen Juli-Tag, als mein Blick auf den Adventkalender fiel. Es gibt ja so Dinge, die man nicht gern tut. Ich persönlich hasse es zum Beispiel, einmal aufgebaute Dekorationen mir nix, dir nix abzubauen. Trotzdem gelte ich als Generalbevollmächtigte für An- und Abbauten daheim.
Im September sagte das Kind: „Warum hängt eigentlich der komische Adventkalender noch da?“ Die Frage beinhaltete das sogenannte Eltern-Passiv, eine in Eltern-Kind-Beziehungen übliche Art zu sprechen, wenn es um Dinge geht, die getan werden sollten, die das Kind aber um keinen Preis der Welt selbst tun will.
„Weil ihn keiner wegräumt“, sagte ich. Ich fand, das war eine passive Form der Aufforderung, die Spielraum offenlässt (z. B., dass sich das Kind wie Wickie der Wikinger die Nase reibt und fröhlich ruft: „Oh ja! Ich könnte es tun!“). Hätte ich geschrien „Weil sich keine Sau hier für irgendwas zuständig fühlt!“, hätte es den gleichen Effekt gehabt.
In drei Wochen haben wir Weihnachten und ich bin ganz froh, im September dem Impuls widerstanden zu haben, den Kalender doch noch
abzuhängen. Hätte sich doch nicht gelohnt!
Vielleicht bleibt er ja auch hängen für den Rest meines Lebens. Oder zumindest nächstes Jahr.

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