Brief ans Christkind

Daniela Schimke

Brief ans Christkind

Weißt du, Tante Dani, das Christkind gibt es wirklich. Gestern hab ich’s dort drüben fliegen gesehen!“, erklärt mein süßes Patenkind mit ernster Miene und großen, unschuldigen Augen. Mir wird zeitgleich ganz warm – und schwer ums Herz. Denn sofort muss ich an jene Kinderaugen denken, in die Adam Lanza blickte, als er vor einer Woche an der Sandy-Hook-Grundschule 26 Menschenleben auslöschte. Einfach so. Weil er die Scheidung seiner Eltern nicht verkraftet hat. Weil er psychisch krank war. Vor allem aber, weil er sich im Waffenschrank seiner Mutter so bedienen konnte wie andere Kids in der Süßigkeitenlade. Kugelsichere Weste, Kampfuniform, zwei Handfeuerwaffen, ein halbautomatisches Gewehr… alles zur freien Entnahme. Braucht man ja zum eigenen Schutz. Schließlich muss man sich verteidigen können, wenn eines Tages im Vorgarten ein Krieg ausbricht. Die Mutter des Täters musste für diese absurde Geisteshaltung selbst mit ihrem Leben bezahlen. 20 unschuldige Kinder und sechs Erwachsene leider auch. Mein Wunsch ans Christkind: Dass dieses fürchterliche Drama nicht völlig umsonst war, sondern eine grobe Überarbeitung des Waffengesetzes in den USA zur Folge hat. Mein Verstand sagt: un­realistischer Wunschtraum. Mein Herz sagt: Vielleicht gibt es ja doch das Christkind? Wenn man sich so umschaut, leider schwer zu glauben.  

Daniela Schimke ist MADONNA Chefredakteurin. d.schimke@oe24.at

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