Selfie-Spezialeffekte lassen Beauty-Eingriffe boomen

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Selfie-Spezialeffekte lassen Beauty-Eingriffe boomen

Selfie-Dysmorphie: Der Wunsch auszusehen, wie vom Filter retuschiert, greift um sich. Twens lassen sich mit Botox &Co. optimieren. Der plastische Chirurg spricht im Interview über Gefahren, Grenzen sowie auch unbedenkliche Eingriffe. 

Snapchat, Instagram & Co. haben mit ihren zahllosen Filtern das Schönheitsideal vieler Menschen drastisch verändert. Die Flut an Bildern von, bis zur Unnatürlichkeit, retuschierten Gesichtern weckt vor allem bei der Gen-Z den Wunsch, die Filter-(Über-)Perfektion in die reale Welt zu übertragen. Das lässt ästhetische Eingriffe mit Hyaluron und Botox bei jenen boomen, die noch völlig faltenfreie Gesichter haben.

Nichts, was nicht geht. Kleinere Nasen, Manga-Augen, höhere Wangenknochen, eine scharfe Kinnlinie, einen Amorbogen wie ihn Lippen der Comic-Figuren zieren, volleres Haar und sogar Hörner zaubern uns die Social-Media-Spezialeffekte mit nur wenigen Klicks. Optimierung verschwimmt in der Scheinwelt mit drastischer Überzeichnung und lässt das eigene Spiegel-Ich farblos und schlichtweg nicht schön genug erscheinen. Selfie- oder auch Snapchat-Dysmorphie wird dieses Phänomen genannt. Der Begriff leitet sich von dem Krankheitsbild der Dysmorphobie ab. Betroffene nehmen sich bei dieser psychischen Störung als hässlich oder entstellt wahr und beschäftigen sich nur noch mit vermeintlichen Makeln. Unklar ist, ob die Filter bzw. Bearbeitungsprogramme eine "richtige" Dysmorphobie auslösen können. Aber auch wenn die Selfie-Dysmorphie keine tatsächliche psychische Erkrankung auslöst, kann sie Unzufriedenheit schüren und somit den Leidensdruck erhöhen. Immer mehr -vor allem -junge Menschen, hauptsächlich Frauen, werden ob des Phänomens in den Praxen der Schönheitsmediziner:innen und plastischen Chirurg:innen vorstellig, so das Fazit auf der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie. Dozent Dr. Johannes Matiasek, Facharzt für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie in Wien, spricht von einer steigenden Nachfrage und teils sehr jungen Patientinnen mit ganz konkreten Vorstellungen.

Im Interview gibt er Einblick in den Umgang mit überzogenen Patientenwünschen sowie in Risiken -verrät aber auch, welche Eingriffe er für völlig bedenkenlos hält.

In der Schönheitsmedizin ist es nicht ungewöhnlich, dass Patientinnen ganz konkrete Vorstellungen davon haben, wie ihr Gesicht oder ihr Körper aussehen sollte. Die Gen-z nimmt sich nicht mehr Angelina Jolie zum Vorbild, sondern die gefilterten Postings von Influencerinnen oder sogar ihr eigenes, optimiertes Filter-Ich. Warum wird gerade dieser Trend von der Branche als bedenklich eingestuft?
Dozent Dr. Johannes Matiasek: Das Bild, das viele der Social-Media-Filter zeichnen, ist unrealistisch, da durch die Effekte die einzelnen Gesichtsteile unnatürlich verzerrt werden. So ein Ergebnis lässt sich in der Realität entweder nicht erzielen beziehungsweise sollte es nicht angestrebt werden. Junge Patientinnen fragen sehr aktiv nach, ob derartige Veränderungen möglich sind.

Was sind die neuen Schönheitsideale?
Dozent Matiasek:
In den Fokus sind die Schläfen, der Jochbogen (Anm.: beginnt unterhalb der Augenhöhle und zieht horizontal Richtung Ohr) und die Kinnlinie, die Jawline, gerückt. Auf gefilterten Bildern wirken der Jochbogen- und Schläfenbereich aufgepolstert und die Kinnpartie sehr markant und kantig. So entsteht optisch die jugendlich wirkende V-Form des Gesichts. Sie steht im Gegensatz zum sogenannten Pyramiden-Gesicht, das sich bildet, wenn Gesichtspartien mit dem Alter immer weiter absinken. Alle drei Bereiche kann man mit der stark wasserbindenden Hyaluronsäure, die beim Menschen fast überall im Körper vorkommt, gut bearbeiten. Man kann ihnen durch den Filler Volumen geben und sie formen. Dabei wird der obere Teil des Gesichts künstlich verbreitert und gleichzeitig wird die Kinnlinie mehr betont, um ein "V" zu formen. Gut lassen sich auch kleine Höcker der Nase mittels Hyaluronsäure begradigen und den Lippen kann man mehr Volumen geben. Das sind alles bewährte Eingriffe, mit denen man schöne Ergebnisse erzielen kann. Jedoch nur, wenn man sie in einem korrekten Ausmaß durchführt -und nicht übertreibt, um einer unrealistischen Vorstellung gerecht zu werden. Ich betone immer, dass ein übermäßiger Aufbau vom Jochbogen oder eine Konturierung der Kinnlinie zumeist auch nur in einem bestimmten Kamerawinkel attraktiv aussieht. Wenn man dann aber das Gesicht als Ganzes betrachten würde, würde es viel zu breit und deshalb deformiert wirken.

© Getty Images
Selfie-Spezialeffekte lassen Beauty-Eingriffe boomen
× Selfie-Spezialeffekte lassen Beauty-Eingriffe boomen

Wie gehen Sie mit Patientinnen um, die Ihnen ein unrealistisches Foto auf den Tisch legen und sagen: Bitte genau so!
Dozent Matiasek:
Die Rolle des plastischen Chirurgen ist es, hier klarzumachen, was sinnvoll beziehungsweise realistisch ist und was nicht.

Wo liegen die Grenzen?
Dozent Matiasek
: Bei allen überzogenen Vorstellungen. Wenn zum Beispiel eine Patientin mit Mitte 20 ein chirurgisches Schläfenlifting wünscht, um die Augenbrauen anzuheben und die V-Form zu betonen. Da muss ganz klar aufgeklärt werden, dass ein derartiger Eingriff frühestens mit Mitte/Ende 30 durchgeführt werden sollte und dann auch nur, wenn bereits ein Hautüberschuss besteht.

Werden Alternativen angeboten oder wird die Patientin weggeschickt?
Dozent Matiasek:
Im Falle des Schläfenliftings können schonende Alternativen angeboten werden. Zum Beispiel kann man mit Botox die Augenbrauen heben. Oder man kann auch mit Fäden arbeiten, die die Haut mechanisch mittels selbstauflösenden, hauchdünnen Fäden in die gewünschte Position ziehen.

Botox, Filler &Co. in den frühen Zwanzigern. Lässt sich das unter Prävention einordnen oder kann man seinem Aussehen damit nachhaltig schaden? Gerade bei Fillern beobachtet man, dass "regelmäßige Konsumentinnen" schon mal überbreite, unebenmäßige Gesichter bekommen.
Dozent Matiasek:
Botox sehe ich als unproblematisch. Botulinumtoxin wird unter anderem - auch in jungen Jahren - als medizinische Therapie bei Migräne oder Hyperhidrose, sprich dem übermäßigen Schwitzen, eingesetzt. Es ist erprobt, gut untersucht und bewährt. Wer sich mit Anfang, Mitte 20 Botox spritzen lässt, tut dies zumeist als Faltenprävention. Es entspannt die Muskeln z. B. im Bereich der Zornesfalte - in der Glabellaregion - und kann Gesichter freundlicher und entspannter wirken lassen. Botoxbehandlungen in jungen Jahren verhindern, dass mimische Falten tiefer werden und sich einprägen. Man zögert damit die Faltenentstehung hinaus.

Und bei Hyaluron?
Dozent Matiasek:
Hyaluronsäure baut sich mit der Zeit wieder ab. Etwa alle neun Monate braucht man daher einen Refresh, um das Ergebnis zu halten. Daher sehe ich Hylauronsäure ebenfalls als unproblematisch - sofern sie maßvoll zur Anwendung kommt. Wird zu viel von dem Filler gespritzt, kann es passieren, dass sich sogenannte Granulome bilden. Das sind Abkapselungen. Es bilden sich Knötchen, die sichtbar sein können. Es kann auch zu Granulomen kommen, wenn eine Patientin das Material schlecht verträgt. Der eigentlich vertraute Stoff wird als Fremdkörper wahrgenommen. Damit er sich nicht weiter ausbreiten kann wird er abgekapselt. Granulome verschwinden zumeist nach etwa sechs bis zwölf Monaten von selbst. In manchen Fällen jedoch werden die Knötchen chronisch. Hyaluronsäure hat zudem den Vorteil, dass sie sich mit einem Gegenmittel wieder auflösen lässt, falls zu viel gespritzt wurde.

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Wünsche werden also erfüllt, aber nur in einem bestimmten Rahmen.
Dozent Matiasek:
Wenn die Patientin über 18 Jahre ist und der Wunsch nach einer Veränderung besteht, dann wird die Patientin ganz genau über mögliche Komplikationen und den Ablauf der Behandlung aufgeklärt. Risiken, wie Gefäßverschlüsse, bestehen -auch wenn sie sehr gering sind -immer. Die Wahrscheinlichkeit einer Komplikation ist bei jungen Patientinnen gleich hoch wie bei älteren. Je jünger die Patientin ist desto "schärfer" - so meine Meinung - sollte man sie jedoch aufklären und desto klarer sollte man über die Sinnhaftigkeit der Eingriffe kommunizieren.

Und wenn der Wunsch nach übertriebener Optimierung bleibt?
Dozent Matiasek:
Es ist die Aufgabe der plastischen Chirurg:innen beziehungsweise der Dermatolog:innen, auf ein realistisches Maß zu achten und den Patientinnen gegebenenfalls klar mitzuteilen, warum manche Eingriffe nicht vorgenommen werden können. 

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